Zu den aktuellen Bildungsprotesten

Seit letzter Woche haben sich Proteste gegen die österreichische Hochschul- und Bildungspolitik etabliert. In Wien begann Anfang letzter Woche die Akademie der bildenden Künste mit einer Besetzung, am Donnerstag wurde das Audimax der Hauptuni für die Zwecke des Protests umfunktioniert. Es folgten TU, Boku sowie weitere Hochschulen in anderen Städten.
Jedoch gibt es – vor allem im und ums Audimax – vielerlei kritisierenswertes. Neben autoritären Tendenzen und mühsamen Diskussionen über die Rolle von Burschenschaftern und anderen Reaktionären zeigte sich vor allem das Thema Sexismus als „Dauerbrenner“ auf der angeblich brennenden Uni.
Im folgenden wollen wir daher die Stellungnahme „Sexismus angreifen“ der Frauen AG dokumentieren, sowie weiters den Aufruf der Autonomen Antifa Wien, der unsereserachtens die Bildungsthematik am prägnantesten erfasste.

„Sexismus angreifen“ – Stellungnahme der Frauen AG
„We don‘t need your education!“ – Aufruf der Autonomen Antifa Wien zur Demo am 28.10.


Sexismus angreifen!

Während der letzten Audimax – Besetzungstagen gab es zahlreiche sexistische Vorfälle und Übergriffe.

Beispiele gefällig?
- „Ausziehen“, „Schleich dich du Hure“, Buh – Rufe aus dem Plenum während (antisexistische) Redebeiträgen von Frauen
- Sexistische Wortmeldungen am Mikrophon während und nach dem Plenum
- Nackte Männerkörper und Schwänze auf der Bühne
- Sexistische Wortmeldungen im Chat während dem Livestream
- Sexistische Angriffe gegen Frauen: „Ihr seid sogar zu schiach um euch zu missbrauchen“
- Sexisten auf der Bühne, bei Reden, als Musiker
- Sexuelle Übergriffe im Schlafsaal
- Sprüche zur sexuellen Verfügbarkeit von Frauen während der Besetzung, in Foren, im Chat,…zb.: „Ich habe gehört es gibt hier ein Puff“
- Vortragende am Podium sind ausschließlich männlich (Quote fordern aber selbst nicht einhalten??)

Solche Vorfälle zu verhindern ist in unser aller Verantwortung!
Sexistische Übergriffe und Situationen sind Teil eines Gesellschaftssystems, in dem wir alle leben.
Das es zu solchen auch während dieser Besetzung kommen kann, ist unser aller Problem! Solange es hier ein allgemeines Desinteresse für antisexistische Themen gibt, solange Menschen nicht eingreifen, wenn sexistische Aussagen getätigt werden und Übergriffe geschehen, wird hier der gesellschaftliche Normalzustand reproduziert!

Frauen und Männer, denen ein antisexistischer Raum wichtig ist, finden diesen Zustand unerträglich und können oder wollen sich daher nicht, mehr oder nur teilweise an der Besetzung beteiligen.
Viele Frauen fühlen sich vor allem in der Nacht unwohl und empfinden den „Freiraum Uni“ nicht als ausreichenden Schutzraum vor sexuellen Übergriffen.
Sexistischer Umgang ist Ausschlussmechanismus! Eine breite Protestbewegung wird damit unmöglich!

Daher fordern wir alle BesetzerInnen auf, sich am Aufbau und Erhalt eines antisexistischen Raumes „Universität“ zu beteiligen.
Wir fordern:

- Keine Akzeptanz von sexistischen Wortmeldungen am Podium!
- Starkes Eingreifen von Allen bei sexistischen Übergriffen und Vorfällen!
- Keine Diskussionen mit übergriffigen Typen, sondern Rauswurf!
- Mindestens 50% Frauen bei Vorträgen, auf Podien, bei Diskussionsbeiträgen,…!
- Mindestens 50% der Redezeit am Podium/ im Plenum für Frauen
- Respektvoller Umgang miteinander!
- Ein Frauenraum als Rückzugsraum, Schlafraum, Diskussionsraum,…
- Geschlechtersensible Sprache bei Plakaten, Aushängen, Aussendungen,…

Eine freie Uni für Alle heißt vor allem auch einen Freiraum zu schaffen in dem Sexismus, Transphobie, Homophobie, Antisemitismus, Rassismus,… KEINEN Platz haben!



We don‘t need your education!

Parolen wie „Bildung darf keine Ware sein“ oder „Bildung ist Menschenrecht“ sind wieder in aller Munde. Ganz unabhängig von einem möglichen Erfolg der Demonstrationen stellt sich jedoch die Frage, ob die Forderung nach einer Entkoppelung von Bildung und ökonomischen Interessen langfristig erfolgreich sein kann.

Auch wenn dies immer wieder aufs Neue beklagt wird, ist es keine echte Neuigkeit, dass sich im Kapitalverhältnis sämtliche Bereiche des Lebens ihrer ökonomischen Verwertbarkeit unterordnen müssen. Fabriken produzieren Autos und Universitäten Bildung. Entscheidend ist, dass eine zahlungskräftige Nachfrage vorliegt und Mehrwert bzw. Profit geschaffen wird. Auch ein Film, der nicht den Geschmack eines kaufkräftigen Publikums befriedigt, wird nicht gedreht. Ebenso werden an Universitäten nur Kompetenzen vermittelt, die in wirtschaftlichen Betrieben effizient eingesetzt werden können.
Bildung gehört dabei zum Reproduktionsprozess des Kapitalismus, d.h. zu dem, was jenseits der Lohnarbeit die Fähigkeit der Menschen diese durchzuführen wiederherstellt, also Freizeit, Kochen, Wäsche waschen etc. und eben auch Erziehung und Ausbildung der Kinder. Desto kostengünstiger und zielgerichteter dieser Prozess organisiert ist, umso geringer sind die Kosten der Ware Arbeitskraft (der Lohn der den Arbeitenden gezahlt werden muss), was unmittelbar den erzielten Gewinn erhöht.

Des Weiteren lässt sich derzeit beobachten, wie immer mehr Bereiche des Reproduktionsprozesses in die Sphäre der Produktion hineingezogen werden, indem sie zu Dienstleistungen werden. Dies ließe sich an beliebig vielen Beispielen zeigen: von Altenpflege über Kinderbetreuung bis zur sexuellen Dienstleistung. Somit ist es systemimmanent durchaus folgerichtig in die eigene Bildung zu ‘investieren’ und diese über Studiengebühren zu kaufen. Solange kapitalistisch gedacht und argumentiert wird, ist eine nicht ökonomisch angelegte Bildung ebensowenig realisierbar, wie ein kostenloser Zugang zu Grundnahrungsmitteln.
Aus der Sichtweise Studierender ist der Wunsch keine 363€ pro Semester für ihre Ausbildung zahlen zu müssen durchaus verständlich und der Kampf dagegen legitim. Auch das Argument, dass die Gebühren Jugendliche aus einkommensschwachen Elternhäusern vom Studium abhalten, ist inzwischen statistisch belegt. Doch der Wunsch berücksichtigt nicht das ökonomische System in dem er geäußert wird. Es wäre jedoch fatal sich einer ökonomischen Argumentation zu bedienen, wer ernsthaft gegen Studiengebühren eintritt, darf sich nicht auf die gleiche Standort-Logik einlassen, wie ihre Befürworter. Unabhängig davon, ob die Studiengebühren dem „Standort Österreich“ nun schadet oder nicht, steht eines fest: Jeder, der sich solcher Argumente bedient, reproduziert die Grundlagen der ökonomischen Ausrichtung der Bildung, nämlich den Nationalstaat, der in kapitalistischer Konkurrenz zu anderen Staaten steht, an stelle sie anzugreifen.
Gleichzeitig ist es jedoch legitim und notwendig die letzten noch existierenden Nischen in den Geisteswissenschaften zu verteidigen. Es muss aber auch reflektiert werden, wie sehr gerade die Geisteswissenschaften dem Kapitalverhältnis unterworfen sind und bereitwillig zu seiner ideologischen Reproduktion beitragen.

Bildung ist immer eine Ware so lange sie im Kapitalismus erworben wird. Dass die Studiengebühren in Österreich zunächst wieder abgeschafft wurden liegt nicht zuletzt daran, dass die entsprechenden politischen Akteure dies als dem Verwertungsprozess zuträglicher betrachten. Schließlich braucht eine hochtechnologisierte Industrie entsprechend ausgebildete Lohnabhängige. Weiterhin sind Lehrpläne und Abschlüsse, ob nun Bachelor-Master oder Magister und Diplom, darauf ausgelegt der Wirtschaft zu geben, was sie ihren Interessen gemäß verwerten kann. Das Ideal einer tatsächlich freien Bildung, die der Selbstverwirklichung des Individuums dient, ist in einer Gesellschaftsordnung, welche alles der Warenform und dem Primat der Kapitalakkumulation unterwirft, nicht zu verwirklichen. Dies ließe sich nur in einer Gesellschaft erreichen in der die Menschen die Bedingungen ihres Lebens frei und selbstbestimmt gestallten, anstatt ihnen ohnmächtig gegenüber zu stehen. Die Auseinandersetzung um Bildung muss also eine Auseinandersetzung ums Ganze sein, gegen Kapitalismus und für den Kommunismus!*

* Nur damit keine Mißverständnisse aufkommen, wir hegen weder Sympathien für die DDR, noch für China oder Kuba. Dies sind diktatorische, staatskapitalistische Regimes, welche auf jeden Fall abzulehnen sind. Was wir unter Kommunismus verstehen, den „Verein freier Individuen“ (Marx), hat es in der Geschichte noch nicht gegeben.

Das die Forderungen der Studierenden nicht finanzierbar sind, ist kein Argument gegen diese, sondern ein weiteres Argument dafür den Kapitalismus abzuschaffen!