Burschenschafter in Österreich*

SchmissfressenDeutschnationale Burschenschafter stehen in Österreich und Deutschland für völkischen Nationalismus, NS-Verherrlichung und Holocaust-Leugnung. Ihre Deutschtümelei stellen sie in Wien unter anderem bei ihrem wöchentlichen Mittwochstreffen zur Schau, wenn sich farbentragende Korporierte „aus Tradition“ vor dem Hauptportal der Universität zusammenfinden. Immer öfter treten ihnen dabei jedoch Antifaschist_innen entgegen, um dieses Treiben zu stören und ihm langfristig ein Ende zu setzten. Anlässe dafür gibt es nach wie vor viele und das Wintersemester 2008/2009 steht vor der Tür…

Zum österreichischen Korporationswesen
Das extrem antisemitische, homophobe, rassitische und frauenfeindliche Weltbild des österreichischen Korporationswesens stellt wahrlich kein marginalisiertes gesellschaftliches Randphänomen dar. Deutschnationale Burschenschaften fungieren vor allem auch als Kaderstätte und Verbindungsglied zwischen legal organisiertem Rechtsextremismus und der militanten Neonaziszene. So waren beispielsweise 15 von 19 Nationalratsabgeordnete der FPÖ in der vergangenen Legislaturperiode „Alte Herren“ von Burschenschaften und es lässt sich auch sonst kaum ein namhafter Ideologe des österreichischen Neonazismus antreffen, der nicht dem korporierten Milieu entstammt. Dass diese revisionistischen Verbindungen nach wie „salonfähig“ sind, zeigt sich u.a. an dem jährlichen Ball des Wiener Korporationsrings (WKR), der in der Hofburg mitten in der Wiener Innenstadt stattfinden kann und 2008 von zahlreichen Prominenten und Politiker_innen, zu denen beispielsweise auch fünf Rektoren österreichischer Universitäten zählten, unterstützt wurde. So scheint ein großer Teil der österreichischen Polit- und Gesellschaftsprominenz ebenso wie auch die Universitäten keine Berührungsängste mit jenen Verbindungen zu haben, die in Österreich als Hort rechtsextremer Gesinnungen einzustufen sind. Heribert Schiedel und Martin Tröger stellen fest: „Doch erschöpft sich die Bedeutung der Burschenschaften nicht in der Funktion einer Kaderschmiede oder eines Auffangbeckens für den militanten Rechtsextremismus (Neonazismus), auch die entliberalisierte Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) rekrutiert ihr Führungspersonal wieder vorrangig im korporierten Milieu.“(1)

Alerta Antifascista
Proteste gegen Burschenschafter gab und gibt zwar seit Jahren immer wieder, jedoch waren diese in Wien nie zuvor so kontinuierlich und häufig anzutreffen gewesen wie in den vergangenen zwei Semestern. So wurde beispielsweise im Oktober 2007 mit umfassenden Aktionen gegen den Turmkommers, welcher das 130-jährige Bestehen der akademischen Burschenschaft „Arminia Cernowitz zu Linz“ und 90 Jahre „Burschenschafterturm“ feiern wollte, in Linz mobilisiert und selbige Burschenschaft als relevanteste in Linz kritisiert sowie auf die reaktionäre Bedeutung des „Anschlussturms“ hingewiesen. Auch der 55. Ball des WKR (Wiener Korporationsring), der sich selbst als „Arbeitsgemeinschaft der national-freiheitlichen, farbentragenden Korporationen“ bezeichnet, ist 2008 zum ersten Mal Ziel spontaner Protestaktionen geworden. Bereits im Vorfeld kritisierte beispielsweise von der Österreichischen Hochschüler_innenschaft (ÖH) der Uni Wien Heinz Fischer dafür, dass er diesen „Akademikern deutscher Volkszugehörigkeit“, wie sie sich selbst bezeichnen, als Hausherr der Hofburg, diese für das „völkische Großereignis“ zur Verfügung stellt. Auch andere österreichische Prominente haben offensichtlich kein Problem sich in den Kreisen deutschnationaler Burschenschaften zu zeigen. Am 26. Jänner 2008 fand unter dem Titel „Katzenmusik statt Jammerbarden“ eine lautstarke Protestkundgebung gegen die deutschnationale Burschenschaft Olympia statt, zu deren Mitgliedern unter anderem FPÖ Politiker wie Martin Graf zählen und welche zum „nationalen Liederabend“ mit dem NPD-Barden Jörg Hähnel geladen hatte. Günther Kümel, ein Angehöriger der selben Burschenschaft hatte 1965 den Antifaschisten und KZ-Überlebenden Ernst Kirchweger während einer Demonstration gegen den antisemitischen Professor Taras Borodajkewycz (2) erschlagen.

Antifa auf der Unirampe
Im Gedenken an Kirchweger trafen sich unter dem Motto „Kein Vergeben, kein Vergessen“ am 31. März 2008 um die 100 Antifaschist_innen vor der Universität Wien um mit Redebeiträgen, Infoständen und Schautafeln auf die Alltäglichkeit faschistischer Gewalt, wie sie in letzter Zeit vor allem in Russland anzutreffen gewesen war, aufmerksam zu machen und an die Opfer wie beispielsweise die vier Roma, die bei einem Bombenanschlag 1995 in Oberwart (Ö) ums Leben kamen zu erinnern. Darüber hinaus wurden auch der Rechtsruck der bürgerlichen Mitte und die faschistischen Kontinuitäten in Österreich thematisiert und so wurde beispielsweise darauf verwiesen, dass sich Schmissjungen der selben Burschenschaft, der Kümel angehört, immer noch ungeniert jeden Mittwoch vor der Uni treffen können.

Seit letztem Semester machen auch diese traditionellen Mittwochstreffen der „Burschis“ einen zentralen Referenzpunkt antifaschistischer Aktivitäten in Wien aus. Mit Parolen, Transparenten, Papierhüten und Luftballonschwertern wurden die „Gschlitzten“ folglich nicht nur bei ihrem traditionellen Treffen gestört, sondern auch eine weitreichende Diskussion unter Studierenden, der Unileitung sowie in der Öffentlichkeit über die, für ihr deutschnationales, rassistisches, antisemitisches, homophobes und sexistisches Gedankengut bekannten, Verbindungen angezettelt. Zuletzt wurde am 9.April unter dem Motto „The nazis never really went away“ groß gegen das Mittwochstreffen mobilisiert und so fanden sich an die 100 Menschen mit Musik, Infoständen, Redebeiträgen, Schautafeln und Transparenten zusammen, um eine Gegenöffentlichkeit zur Tradition des Schweigens über rechte Gesinnungen und Zusammenhänge zu forcieren. Obwohl sich die Burschis selbst durch den Hintereingang in den Arkadenhof der Uni eingeschlichen hatten um ihr Treffen vor dem „Siegfriedskopf“ (3) abzuhalten, wurden sie auch dort mit den üblichen Störaktionen konfrontiert und mussten unter massivem Polizeischutz aus der Uni abgeführt werden.

Burschenschaftliche Verstrickungen
Prinzipiell übt sich die Universität seit Beginn dieser Proteste in erster Linie mit Zurückhaltung und zeigt sich trotz vermehrter Bemühungen seitens der ÖH Uni Wien wenig gesprächs- und diskussionsbereit. So wurde auch anlässlich der letzten größeren Kungebung gegen das Mittwochstreffen die Universitätsleitung erneut dazu aufgefordert, konsequenter gegen die im rechtsextremen Milieu agierenden Verbindungsstudenten aufzutreten und ihr allwöchentliches Treffen zu unterbinden. Während sich die einen offiziellen VertreterInnen der Uni Wien folglich davor scheuen, die Verbreitung und zur Schaustellung rechtsextremen Gedankenguts im universitärem Raum zu unterbinden und sich in irgendeiner Form zu positionieren, zeigen sich an Hand der genaueren Betrachtung anderer an der Universität verankerter Kräfte ganz andere Tendenzen. Den akademischen Ehrenschutz des oben genannten WKR-Balls übernahmen in diesem Jahr neben auf der Uni altbekannten Burschenschaftern wie dem rechtskonservativen Geschichtsprofessor Lothar Höbelt oder dem Unirat Friedrich Stefan auch fünf Rektoren unterschiedlicher Universitäten. Diese Beispiele geben nicht nur Einblick in die etablierte Position der Anhänger deutschnationaler Gesinnungen im universitärem Betrieb, sondern zeigen auch, dass diese reaktionären Verbindungen keinesfalls ein marginalisiertes Randproblem darstellen. Erfreulich scheint in diesem Zusammenhang nur, dass bei der letzten Ernennung der österreichischen Unirät_innen eine handvoll Burschenschafter, die vor allem unter der schwarz-blauen Regierung zum Einsatz gekommen waren, nicht wieder bestellt wurden, dafür aber der Frauenanteil auf über 50 Prozent erhöht. Der emeritierte Neurochirurg Gerhard Pendl, Mitglied der Burschenschaft Oberösterreicher Germanen in Wien, wurde auf Grund einer Rede (4) am Grab von NS-Luftwaffenoffizier Walter Nowotny aus dem Uni-Rat ganz abgesetzt. Pendl legte Berufung beim Verwaltungsgerichtshof ein, hatte damit jedoch keinen Erfolg.

Durch die ungetrübte Durchführung ihrer Veranstaltungen sowie ihre Anerkennung (seitens der Uni) bleibt der völkische Größenwahn dieser Verbindungen ebenso wie ihr Geschichtsrevisionismus und ihre Frauenfeindlichkeit alltäglich und „normal“. So ist den aktuellen Protesten sicher zu Gute zu halten, dass die neu aufflammende Diskussion um die männerbündischen Organisationen schon lange anstand und durchwegs zur Verschlechterung des Meinungsklimas gegen Burschenschafter beigetragen hat. Umso wichtiger scheint es, diese Diskussionen fortzusetzen und Burschis jederzeit und überall entgegenzutreten.

(1)Schiedel, Heribert/ Tröger, Martin: „Durch Reinheit zur Einheit“ – Zum deutschnationalen Korporationswesen in Österreich abrufbar unter

(2)Vgl. Hartmann, Deborah: „Der Fall Borodajkewycz“

(3)Am 9. November 1923 wurde in der Aula der Wiener Universität der Siegfriedskopf feierlich enthüllt. „Dabei zeigt die Entstehungsgeschichte des Denkmals, zeigen die Diskussionen um seine Errichtung und die Umstände seiner Aufstellung recht deutlich, worum es 1923 ging: nämlich um eine Demonstration des Alleinvertretungsanspruches der Deutschen Studentenschaft an der Universität Wien, der sich gezielt gegen Juden richtete und gegen Organisationen, die Juden als Mitglieder aufnahmen.“ (Im Kampf um das Haupt des deutschen Helden Siegfried. Traditionen und ihre Hüter. Von Margarete Grandner, Gernot Heiß und Elisabeth Klamper. In FORVM Dezember 1990)

(4)“Pendl hatte als Obmann des Vereins zur Pflege des Grabs von Nowotny bei einer Gedenkfeier im November 2006 unter anderem betont: „Wir verstehen uns hier nicht als Wallfahrer an einer Heiligen Stätte, sondern es ist unsere Pflicht, gegen die seelischen Narben der Gutmenschen, die auch die Toten nicht in Ruhe lassen wollen, aufzuzeigen, dass es doch noch ein Fähnlein in den deutschen Landen gibt, die unsere unschuldigen Soldaten und ihren furchtbaren Tod nicht vergessen oder gar herabwürdigen.“ Den „Widersachern der Kriegsgeneration, der Generation der Zivildiener und den Störern der Totenruhe“ richtete er aus: „Die Kränze, die ihnen einmal beschert werden sollen, sind schon heute welk.“


*Erstveröffentlichung auf dem Infoportal www.burschis.de.vu (2008): [AuA!]: Kein Fußbreit den Faschisten jeder Couleur! – Proteste gegen Schmissjungen in Österreich