SOS Heimat

Am Montag, den 15. September wird ab 19:30 Uhr im Wiener Restaurant „Beim Hofmeister“ (Bräunerstraße 7, 1010 Wien) Helmut Müller, eine Größe des österreichischen Rechtsextremismus, zum „nationalen Notstand“ sowie der „europäischen Neuordnung“ referieren. Die Tatsache, dass einem offensiven Rassisten und Antizionisten, der sich nicht zu schade ist NS-Verbrechen zu verharmlosen oder zu leugnen, ein derart prominentes Forum geboten wird, gereicht eigentlich schon für sich allein genommen zum handfesten Skandal. Dementsprechend interessant machen sich die Veranstalter_innen „SOS Heimat“. Vom „Antifaschistischen Pressebüro Wien“ wurde uns folgender Text zugespielt, der den Verein genauer ausleuchtet und vielleicht der Einen oder dem Anderen Leser_in Anlass gibt, Protest zu form(ul)ieren:

Nationale „Revolutionäre“

Nach seiner Blütezeit in den 1970er Jahren und mehrjährigen Abstinenz scheint sich nun auch der nationalrevolutionäre Flügel des Rechtsextremismus neu zu organisieren. Anfang des Jahres schlossen sich Kader aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu einem „nationalrevolutionären Netzwerk“ zusammen. Diese „Gesinnungsgemeinschaft“ nennt sich Sache des Volkes (SdV) und hat mit Jürgen Schwab einen Sprecher aus der neonazistischen Szene.
Bereits 1974 wurde in Deutschland eine gleichnamige Gruppierung ins Leben gerufen. Sie bezog auf den „linken“ Konkurrenzfaschismus, der durch Leute wie Ernst Niekisch oder die Gebrüder Strasser repräsentiert wurde. Im Unterschied zur damals in der Szene hegemonialen pro-westlichen und staatsnationalistischen Position, agitierten die Nationalrevolutionäre nach 1945 vor allem gegen den westlichen „Imperialismus“, für ein unabhängiges, neutrales Europa („der Nationen“ oder „Vaterländer“) und für einen „Dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Staatssozialismus. Auf internationaler Ebene unterstütze man die antikolonialen Bewegungen, insbesondere die arabischen, zu welchen auch Beziehungen geknüpft wurde. In den 80er Jahren versuchte man in die gerade entstehenden Grünbewegungen einzusickern, nach der in Österreich weitgehenden Erfolglosigkeit dieses völkischen Entrismus wurde es dann still um die Nationalrevolutionäre.
Hierzulande wurde diese Strömung durch eine kleine Gruppe rund um den späteren „Schriftleiter“ des rechtsextremen Eckart(boten) Helmut Müller repräsentiert. Müller rief 1977 eine Nationalrevolutionäre Aufbauorganisation (NRAO) ins Leben und gab bis 1990 die Zeitschrift Der Nationalrevolutionär heraus. Bei den nunmehrigen Wiederbelebungsversuchen ist Müller nun neuerlich mit dabei: Gemeinsam mit dem fakten-Autor Winfried Schuberth und anderen bildet er SOS Heimat – Nationale Plattform für Österreich. 2002 trat diese Gruppierung erstmals öffentlich in Erscheinung: Im Wiener „Haus der Heimat“ diskutierte man mit einem Vertreter der Palästinensischen Gemeinschaft und der Sudetendeutschen Landsmannschaft unter dem Titel „Von Benes zu Sharon. Sudetendeutsche und Palästinenser – Entrechtet und vertrieben“. Im September 2007 lud man Jürgen Schwab zu einem Vortrag über „Heimat – Nation – Europa“ ins „Schulvereinshaus“ der rechtsextremen Österreichischen Landsmannschaft (ÖLM) in der Fuhrmannsgasse (Wien XVIII). Eingeleitet und moderiert wurde das Referat von Günther Rehak, der zuletzt öfters bei der Arbeitsgemeinschaft für demokratische Politik (AFP) und dem Bund Freier Jugend (BFJ) in Erscheinung getreten ist und immer wieder für Andreas Mölzers Zur Zeit schreibt. Laut Aula (11/07, S. 11) ist Rehak, der 1992 mit seinem Gutachten für den Neonazi Gerd Honsik erstmals für Aufregung sorgte, seit 2005 auch FPÖ-Mitglied. Bis Anfang 1993 hatte er einen Lehrauftrag am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien inne.
Gemeinsam mit Schwab und anderen haben die österreichischen Heimatschützer nun eine „Grundsatzerklärung“ verabschiedet. Demnach stellt die SdV eine Kaderorganisation und überregionale Plattform gleichermaßen dar. Die Gründung einer weiteren rechtsextremen Partei wird abgelehnt, stattdessen sieht man sich als „Interessengemeinschaft innerhalb wie außerhalb bestehender nationaler Parteien im deutschsprachigen Raum und in Europa“. Das „Volk“ wird auch hier als „Abstammungsgemeinschaft“ hoch gehalten: „Demzufolge ist Angehöriger eines Volkes, wer die dazugehörigen Eltern und Großeltern hat. Darüber hinaus ist Assimilation möglich, die aber zahlenmäßig und auf verwandte Völker zu begrenzen ist.“ Die „Hauptursache“ für die behauptete „Überfremdung“ sieht man im „transnationalen Kapitalismus, der in den USA seinen militärischen und geheimdienstlichen Arm besitzt.“ Gegen den „angelsächsischen Liberalismus“ fordert man einen starken Staat, der „in der Wirtschaft bestimmen“ solle. Schließlich betont die SdV ihre Ablehnung von „jede(r) Form von Totalitarismus“, jedoch nicht ohne gleichzeitig Straffreiheit für neonazistische Geschichtsfälscher zu fordern.
Die österreichische Filiale der SdV kämpft gegenwärtig vor allem gegen den EU-Vertrag von Lissabon, zuletzt rief SOS Heimat gemeinsam unter anderem mit der Partei Die Christen, der Nationalen Volkspartei (NVP) und der Neuen Kronen Zeitung zur Anti-EU-Demonstration am 29. März in Wien auf. Damals marschierten nicht nur Jörg Haider, Peter Westenthaler und Heinz-Christian Strache gegen „Brüssel“, sondern auch Neonazis wie Gottfried Küssel oder Franz Radl. Wächst da zusammen, was zusammen gehört?