Vom Vergeben und Vergessen

Zum versöhnlichen Umgang der Universität Wien mit alten und neuen Phänomenen und Figuren des Rechtsextremismus1

Die Universität will proaktiv und offensiv die Bearbeitung ihrer eigenen Vergangenheit systematisch im Sinne einer Selbstbeauftragung betreiben […]. Gerade die Geschichte der letzten 70 Jahre der Universität Wien wäre geeignet, eine gemeinsame Identitätsbildung aller Angehörigen der Universität nach innen zu fördern, und gleichermaßen nach außen zu vermitteln. Die dringend notwendige Auseinandersetzung mit der Zeit 1938-1945 bedarf auch einer kontinuierlichen Auseinandersetzung über 1945 hinaus in politischer, wissenschaftlicher und personeller Hinsicht: die Schnittstellen Universität, Gesellschaft und Politik, Fragen der außeruniversitären Forschung, des Wissen(schaft)stransfers und internationale Vergleiche sind zu fokussieren und Grundlagen für eine solide Positionierung zu erarbeiten.

So geschmeidig sich die Selbstbeschreibung des Forums „Zeitgeschichte der Universität Wien“ auf der Universitätshomepage2 auch liest – bereits ein unbeteiligter Besuch des allwöchentlichen Stelldicheins rechter Burschenschafter an ihrer Pilgerstätte im Innenhof des Hauptgebäudes der Universität, am „Siegfriedskopf“, lässt an der Ernsthaftigkeit derart gut gemeinter Worte mehr als zweifeln. Das „Denkmal“ war 1923 von der Deutschen Studentenschaft für die im Ersten Weltkrieg „in Ehren gefallenen Helden unserer Universität” errichtet worden. Als der Schädel 1990 durch eine Gedenktafel für von den Nazis vertriebene Uni-Angehörige ersetzt werden sollte, liefen die Burschenschaften gemeinsam mit dem rechtsextremen Ring Freiheitlicher Studenten (RFS) dagegen Sturm. 2006, im Zuge der Neugestaltung von Aula und Arkadenhof, wurde der Schädel von ersterer in letzteren verlegt und – wenngleich eher halbherzig – mit einer historisierenden Kommentierung versehen. Bis heute ändert dies jedoch nichts an der Anziehungskraft, die der Schädel auf rechtsextreme Besucher_innen auszuüben scheint. Man kann dabei nicht behaupten, die Universität sehe tatenlos zu, versucht sie doch jeglichen Protest gegen das deutschnationale Stelldichein zu kriminalisieren und ungeschehen zu machen.

Auch die Adresse der Universität, die den Namen eines antisemitischen Wiener Bürgermeisters der Jahrhundertwende, Karl Luegers, trägt, gibt zu denken: In seinem Machwerk „Mein Kampf“ beschreibt Adolf Hitler Lueger als den „gewaltigsten und genialsten deutschen Bürgermeister aller Zeiten”, wohl angespornt durch Aussagen wie diese über Jüdinnen und Juden: „Da sind Wölfe, Löwen, Panther, Leoparden, Tiger (…) Menschen gegenüber diesen Raubtieren in Menschengestalt.“ Nun ließe sich anführen, die Universität könne natürlich nichts für ihre Adresse – zugleich muss anerkannt werden: Sie hätte durchaus den Einfluss, ihren Standort zu skandalisieren und einen Alternativvorschlag zur Namensgebung einreichen.3

Aktiv wurde die Unileitung an der Universität für Bodenkultur, welche bis in die 1980er Jahre ein Zitat Hitlers zierte. Darüber hinaus wurden Gedenkinschriften an die Opfer des Nationalsozialismus in der Tourist_innenattraktion „Aula“ angebracht, ohne jedoch auf die aktive Mitwirkung der Uni Wien und vieler ihrer Angehöriger am Verfolgungs- und Vernichtungsprojekt der Nazis einzugehen. Gleichzeitig und in beißendem Kontrast zur erwähnten Gedenkinschrift wurde Konrad Lorenz ein prominenter Platz in der neu gestalteten Aula eingeräumt. Lorenz war bekennender Nationalsozialist, Antisemit und Mitarbeiter im „rassenpolitischen Amt“ der NSDAP. Noch heute wird der „Rassen“-Theoretiker Lorenz ebenso von Rechtsextremen als Stichwortgeber verehrt, wie ihm die Uni Wien als „ihrem“ Nobelpreisträger huldigt.
Wie aber lässt sich dieser paradoxe Umgang der Universität Wien mit ihrer eigenen Geschichte sowie den Ideologien ihrer lebenden Nutzer_innen auflösen und verstehen? Hierzu bedarf es einiger Ausführungen über Rechtsextremismus als Phänomen der gesellschaftlichen Mitte sowie die Entzauberung des Mythos „Universität“.

Von Wahrnehmungen und falschen Annahmen
Eine Gemeinsamkeit von Rechtsextremismus einerseits und Universitäten andererseits besteht darin, dass von beiden in der öffentlichen Meinung ein stark verzerrtes Bild vorherrscht. In Hinblick auf die Hochschulen besteht dies darin, dass diese als Orte der Aufklärung und des gesellschaftlichen Fortschritts gedacht werden, an denen „reine“ (im Sinn von ideologiefreie) Wissenschaft betrieben werde und die kritische Geister hervorbrächten, die den gesellschaftlichen Fortschritt beflügelten (was zumindest in Gestalt von protestierenden Studierenden in der Regel jedoch gar nicht gern gesehen wird). Intellektuellen wird zwar eher misstrauisch begegnet – sie seien „verkopft“, weltfremd, abgehoben, arrogant –, gleichzeitig wird ihnen jedoch hohes soziales Prestige zuerkannt, was sich in autoritärer Unterwürfigkeit durchaus mit antiintellektualistischem Hass verbinden lässt.
Tatsächlich hat jedoch weder das Gros der Studierenden in Österreich heute viel mit Rebellion am Hut, noch haben die Lehrkräfte an Universitäten hier oder anderswo je „ideologiefrei“ gewirkt. Die Annahme der Möglichkeit „unpolitischer“ Forschung und Lehre war immer schon Illusion, wurde und wird jedoch beharrlich beschwört, um die legitimatorische Kraft der Wissenschaft zur Wahrung partikularer Interessen weiterhin nutzen zu können. Universitäre Forschung und Lehre ist vielmehr eine elitäre und autoritäre Veranstaltung und daher in ihren Grundzügen eher als „rechts“ denn als emanzipatorisch einzustufen.

Die öffentliche Wahrnehmung von Rechtsextremismus wiederum ist verzerrt, da sie diesen meist einerseits mit der militanten Neonazi- und (rechten) Skinhead-Szene gleichsetzt und ihm andererseits den „Linksextremismus“ als vorgeblich gleichwertiges Übel zur Seite stellt. Beide Gleichsetzungen erweisen sich als höchst problematisch: Letztere, da sie die ums Ganze verschiedenen Zielsetzungen, Menschenbilder und Werthaltungen der beiden (auch in sich heterogenen) politischen Milieus negiert. Erstere, da sie den gesellschaftlichen Mainstream bzw. die politische „Mitte“ von deren Verantwortung für die fortbestehende gesellschaftliche Wirkmacht rechter Ideologeme entbindet. Entgegen einer Gegenüberstellung von extremer Rechter und radikaler Linker einerseits versus „demokratisches Zentrum“ andererseits kann Rechtsextremismus als extreme Spielart des Konservativen, rechtsextremes Gedankengut als eine militante Steigerungsform der zentralen Werte und Ideologien spätkapitalistischer Gesellschaften bestimmt werden. Der Rechtsextremismusexperte Heribert Schiedel4 verweist in diesem Zusammenhang v.a. auf das in diesen Gesellschaften tief verankerte Erfolgs- und Konkurrenzdenken. Während „linke“ Werte wie Gleichheit oder Solidarität dieses zu überwinden trachten, wird es von Rechtsextremist_innen zu einer Ideologie eines existentiellen Kampfes völkischer Kollektive (oder auch: „Kulturen“) übersteigert. Dem Rechtsextremismus ist in seiner anti-egalitären, (zwangs-)kollektivierenden und autoritären Ausrichtung die „Mitte“ deutlich näher als der „linke Rand“.

Rechte Recken im Kampf um die Köpfe
Die Durchsetzung neorassistischen Denkens auf breiter gesellschaftlicher Basis ist nicht zuletzt das „Verdienst“ rechter und oft universitär verankerter Intellektueller. Diese versuchen sich an der „Intellektualisierung“ des Rechtsextremismus – nicht zuletzt über die pseudowissenschaftliche Fundierung der Leugnung oder Verharmlosung von NS-Verbrechen – und tragen damit gezielt dazu bei, diesen gesellschaftlich (noch) salonfähiger zu machen. Der ebenso verhängnisvolle wie weit verbreitete Irrglaube, wonach Wissenschaft nichts mit Ideologie zu tun habe, sorgt in Verbindung mit dem gerade in Österreich hohen sozialen Prestige von AkademikerInnen dafür, dass auch extrem rechte Positionen eine breitere Öffentlichkeit erlangen und in dieser auf höhere Akzeptanz stoßen, wenn sie von „gelehrten Köpfen“ artikuliert werden.

Die zentrale Bedeutung von Universitäten für den Rechtsextremismus besteht jedoch nicht nur darin, rechte „Gegenintellektuelle“ mit Posten, pädagogischem Einfluss und opinion leader-Funktion auszustatten. Die an ihnen bzw. in ihrem Umfeld angesiedelten studentischen Korporationen erweisen sich zudem als wichtige Orte rechter, rechtsextremer und mitunter auch neonazistischer Organisation. So sind insbesondere deutschnationale Burschenschaften seit jeher (und seit den frühen 1990er Jahren verstärkt) Auffangbecken für Rechtsextreme und Neonazis, denen sie einen geschützten Raum bieten. Zudem erweisen sich Burschenschaften (wie auch katholische Verbindungen, Corps) als intergenerationale (Männer-)Seilschaften, die der Sicherung von Privilegien, Posten und Einfluss für die jeweilige Gesinnungsgemeinschaft dienen.

Burschenschafter wie auch rechte Intellektuelle inszenieren sich gerne als rebellische „Querdenker“ und Nonkonformisten, die sich „linkem Gesinnungsterror“ und einer angeblichen gesellschaftlichen Hegemonie linksliberaler Haltungen gegenüber sehen. Gerade jene, die historisch wie auch gegenwärtig die Freiheit jener zu eleminieren trachte(te)n, die nicht ihren ideologischen oder (neo-)rassistischen Kriterien entsprechen, pochen umso energischer auf die „Freiheit der Wissenschaft“ und universitäre Autonomie, wenn ihre rechtsextreme Agitation auf Widerstand stößt. Diese narzisstisch-maskulinistische Selbstinszenierung als standhafte Kämpfer gegen eine angebliche Übermacht soll darüber hinwegtäuschen, dass die tatsächlichen gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse linke Positionen keineswegs privilegieren, ja die Artikulation (extrem) rechter Positionen sich oft weniger als Rebellion denn als Ausdruck unterschwellig vorherrschender Mehrheitsmeinungen erweist.

bildet banden!Wie auch in der Zwischenkriegszeit arbeiten rechte Studierende und Lehrende in Wien noch heute auf das Ziel hin, die „öffentliche Meinung“ schrittweise weiter nach rechts zu verschieben. Diesen Bestrebungen auf universitärem Boden entschlossenen Widerstand entgegenzusetzen, ist daher unabdingbar, um eine Wiederkehr des nie wirklich Überwundenen zu verhindern.

  1. dieser Artikel erscheint in ähnlicher Form in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift „suspect“ der GAJ Wien [zurück]
  2. siehe Forum für Zeitgeschichte [zurück]
  3. ein Vorschlag, den die ÖH seit Jahren forciert, der alternativen Benennung des Antisemiten-Rings wäre „Dr.in Elise-Richter-Ring“ [zurück]
  4. Lesetipp: Heribert Schiedel (2007): Der Rechte Rand: Extremistische Gesinnungen in unserer Gesellschaft [zurück]