Rechtswalzer

Zwei Monate ist es nun her, dass sich am Ball des Wiener Korporationsrings die deutschnationale Verbindungsstudent*innenszene ein Stelldichein gab, während Demonstrant*innen in den Straßen Wiens die Exekutive in Atem hielten. Nachdem Starbucks seine Scheiben neu verglast und die Apologetenfront um Andreas Mölzer sich den Geifer vom Kinn gewischt hat, nehmen wir uns Zeit für ein kurzes Resumé: Wogegen wurde da eigentlich protestiert – und war das wirklich nötig?

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Schon Tage vor dem Ball hatten die kolportierten Appelle verschiedener Organisationen an den Hausherren Heinz Fischer für einiges Medienecho gesorgt. Dass sie keine Absage des Balls bewirken konnten, war nicht nur von vornherein klar gewesen, sondern auch folgerichtig: Allzu recht hatte die blaue Parteizeitung NFZ mit ihrer rhetorischen Frage gehabt, „welche Räumlichkeiten … sich für diese Menschenmassen besser eignen“ würden, „als die riesigen Säle der Hofburg?“ In einem Land, in dem aktuell beide Großparteien um die Gunst einer rechtsextremen Fraktion rittern, hätte es wirklich keinen angemesseneren Ort für das Treffen von Rechten und äußerst Rechten geben können als die repräsentativsten Räumlichkeiten des Landes. Und auch die Kartenvorverkaufsstelle wäre nirgendwo besser aufgehoben gewesen als im deutschesten aller Wiener Häuser, der Casa Germanomania der Österreichischen Landsmannschaft in der Fuhrmannsgasse 18A.

Deep blue.
Unvermeidlich riefen die kritischen Stimmen gegen den Ball jedoch die üblichen Verdächtigen auf den Plan. Der Ballausschuss ließ verlauten, dass seine Aktivitäten „parteipolitisch ungebunden“ und „nicht auf die Nähe zu irgendeiner politischen Bewegung ausgerichtet“ seien. Die Zusammensetzung des Ausschusses belegte diese Aussage denn auch eindrucksvoll: Obmann Udo Guggenbichler war fraglos rein irrtümlich auf die Unterstützerliste für den Europa-Wahlkampf Andreas Mölzers (in dessen Zur Zeit Guggenbichler gelegentlich schreibt) und auf die Kandidat*innenlisten der FPÖ für die Nationalratswahlen 2006 gerutscht (die 10 Vorzugsstimmen, die er in Wien erreichte, sind mutmaßlich seinen Bundesbrüdern von der Wiener Albia und dem von ihm präsidierten Pennälerring zu verdanken). Freilich ein Einzelfall, an dem die einschlägigen parteipolitischen Aktivitäten von mindestens fünf weiteren der insgesamt sieben österreichischen Ausschussmitglieder rein gar nichts ändern. So ist Alexander Pawkowicz FP-Bezirksrat in Wien XII, geschäftsführender Bezirksparteiobmann sowie Mitglied der Landesparteileitung; Christian Ebner war Mitarbeiter im Kabinett Gorbach, Ex-FP-Gemeinderat in Salzburg sowie Kandidat für die Europawahlen 1999; in Gorbachs Kabinett werkte auch Herbert Rauch von den Freiheitlichen Akademikerverbänden; Reimer Timmel, ebenfalls Mitglied im Mölzer-Personenkommitee, Obmann der Freiheitlichen Akademikerverbände Wien/NÖ/Burgenland und bekennender Fan des Antisemiten, Neonazis und Holocaustleugners Horst Mahler, kandidierte bei der Wien-Wahl 2005 für die FP, Michael Podesser tat selbiges im heimatlichen Kärnten/Koroška. Diesem Bundesland entstammt auch ein weiteres Ballausschussmitglied – ein vorbestrafter Neonazi.

Alles, was rechts ist…
Nichtsdestotrotz kann kein Zweifel bestehen, dass die Erklärung des Ausschusses, wonach die Ballgäste „in allen drei traditionellen politischen Lagern zu finden“ seien, in gutem Glauben erfolgt war. Dass sich dann doch größtenteils „Freiheitliche“ (aber durchaus auch Vertreter ausländischer Rechtsparteien) einfinden würden, hatte vorher ja wohl niemand wissen können. Folgerichtig ergingen sich Andreas Mölzers Zur Zeit und die NFZ („beim Einzug waren sämtliche freiheitliche [sic] Mandatare vertreten“) in langatmigen Aufzählungen der anwesenden FP-Prominenz, die sich – von Strache und Rosenkranz bis hin zu den beiden Gudenüssen – auf dem Ehrenpodium drängte, während Parteigänger*innen anderer Fraktionen auch von den freiheitlichen Hofberichterstattern nicht ausgemacht werden konnten. Den „Ehrenschutz“ hatte Ex-Staatssekretär Reinhart Waneck übernommen, der es sich nicht nehmen ließ, mit dem in nicht-österreichischen politischen Kulturen ob seiner rassistischen und antisemitischen Ausfälle verfemten Jean-Marie Le Pen für Fotos zu posieren. Strache und Mölzer ließen sich für Zur Zeit unterdessen mit der Gattin von Le Pens Nummer 2 im Front National, dem 2004 wegen Holocaust-relativierender Aussagen vorübergehend von seiner Lyoner Universität mit Betretungsverbot belegten Bruno Gollnisch ablichten.

…von univie bis KHD, …
Besonders erfreut zeigte sich Zur Zeit darüber, dass „auch eine Reihe von akademischen Würdenträgern den waffenstudentischen Korporationen in dieser rauschenden Ballnacht die Ehre“ erwies – „[n]icht mehr ganz selbstverständlich in Zeiten des linken Gesinnungsterrors“. Zu den derart gelobten, charakterfesten Männern, für die weder die Präsenz von prominenten Rechtsextremisten noch der männerbündische Charakter der Veranstaltung Grund genug waren, dieser die Unterstützung zu verwehren, zählten gleich fünf aktuelle Rektoren österreichischer Unis (TU Wien, Vetmed Wien, Bildende Wien, TU Graz, Mozarteum), die im „Akademischen Ehrekommitee“ des Balles aufschienen. Von der geneigten Lehrendenschaft hatten neben bekannten akademischen Rechtsauslegern wie Wilhelm Brauneder, Lothar Höbelt, Christian Neschwara (Uni Wien), Werner Kuich (TU Wien), Reinhart Leitinger (Uni Graz), Nazihelden-Gedenker Gerhard Pendl (Ex-Meduni Graz) oder Heinrich Koller (Uni Salzburg) u.a. auch Herbert Würzner (BOKU), Gerhard Sobotka (Meduni Wien), Helmut Rauch, Siegfried Selberherr (TU Wien) oder Hanns Pichler (ehemals WU) gern ihre Namen gespendet. Als „Förderer der akademischen Jugend“ hatten u.a. Otto Scrinzi (nach Eigenbekenntnis einst im rechten Flügel der NSDAP) oder der altersweise Chef des Kärntner Heimatdienstes, Josef Feldner, gewonnen werden können. Aus der nicht enden wollenden Liste spendabler Effen stachen Gemeinderat Kurth-Bodo von Blind und Bundesrätin Monika von Mülwerth hervor. Während die angeblichen Vorfahren der heutigen Narbengesichter um 1848 noch gegen den Adel auf die Barrikaden gegangen waren, hat der WKR derlei jakobinischen Torheiten indes offenkundig abgeschworen. Freiheit und Gleichheit waren gestern, heute gilt: Noblesse oblige.

…von NSDAP bis VfGH.
Dafür, dass der vom Ballausschuss beschworene politische Pluralismus zum Tragen kam, durften Jörg Haider und Michael Tscharnutter sorgen. Falls Sie von letzterem noch nie gehört haben sollten, ist dies kein Zufall – er ist Obmann des Wiener BZÖ. Auf der Liste der edlen Spender*innen befanden die beiden Abtrünnigen sich in Gesellschaft so illustrer Geistesgrößen wie Friedrich Hausmann (den seine NSDAP-Mitgliedschaft nicht daran gehindert hatte, noch in der Zweiten Republik zum Rektor der Uni Graz aufzusteigen), Heimo Dolenz (2007 als Referent zu Otto Scrinzis „Kärntner Kulturtagen“ geladen), Joachim Kappel (Zur Zeit-Mitbegründer), Gernot Piccottini (Uni Graz, Ehrenmitglied der Kärntner Landsmannschaft und ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des Kärntner Heimatdienstes), Friedrich Stefan (leidenschaftlicher Kämpfer für das bedrohte Grenzlanddeutschtum und gegen das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes sowie bis vor kurzem Unirat der Uni Wien) oder Herbert Vonach (Vorsitzender des Freiheitlichen Familienverbandes und FP-Funktionär in Klosterneuburg, gleichzeitig als Funktionär des Witikobundes und Autor in den Fakten aber auch im außerparlamentarischen Rechtsextremismus zuhause). In Gestalt der beiden langjährigen Vereinsräte der rechtsextremen Österreichischen Landsmannschaft, Gerhard Onders (einst RFS-Vorsitzender und später Senatspräsident des Verwaltungsgerichtshofes) und Herbert Hallers (Mitglied des Verfassungsgerichtshofes) war auch die hiesige Judikative hochrangig vertreten.

Völkischer Vogerltanz.
Die Angaben zur Zahl der insgesamt Anwesenden bewegten sich innerhalb der für extremistische Veranstaltungen üblichen Schwankungsbreite: Von „mehr als 1500“ Gästen schrieb die NFZ, Zur Zeit wusste gar von „rund zweieinhalbtausend“ solchen zu berichten – die Demonstrant*innen vermutlich mitgezählt. Zum großen Andrang hatte auch Verstärkung aus dem befreundeten Ausland beigetragen. Zur Zeit erwähnte „Gleichgesinnte“ aus „Frankreich, Flandern [sic] und Bulgarien“, womit u.a. Frank Vanhecke vom rechtsextremen Vlaams Belang und der schon erwähnte Jean-Marie Le Pen vom französischen Rassist*innen- und Antisemit*innenbund Front National gemeint waren. Beide konnten sich des Andrangs der versammelten FP-Prominenz um gemeinsame Fotos kaum erwehren, nachdem sie wenige Stunden zuvor in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Mölzer und Strache einen neuen Anlauf zur Gründung einer transeuropäischen Plattform rechtsextremer Parteien verkündet hatten. Mit dabei auch Wolen Siderow, der als Vorsitzender der bulgarischen Ataka seine Expertise in Sachen Antisemitismus und Antiziganismus in das Bündnis mit den blauen Networkern einbrachte.
Geboten wurde den Ballgästen u.a. eine Darbietung der Tanzschule jenes Mannes, der wie kein*e andere*r weiß, was sich in Österreich gehört: Thomas Schäfer-Elmayer. Kein Geringerer als der Vortänzer der Nation und nationale Experte für gute Sitten hatte Sorge dafür getragen, dass die Schmissbuben ihren Partnerinnen bei der Eröffnung nicht auf die Füße treten würden. Im Gegenzug hatte er ein ganzseitiges Inserat in der Festfolge schalten dürfen, das u.a. seinen protofaschistischen Benimmratgeber „Der kleine Elmayer. Mein erstes Buch vom guten Benehmen.“ bewarb, um den Nachwuchs an autoritären Charakteren und Etikettenneurotiker*innen (und somit die Elmayer-Kundschaft von morgen) sicherzustellen. Unter den nach Elmayers Façon gecoachten Tanzbären: die Politsöhne Arne Rosenkranz und Wolf-Rüdiger Mölzer, wie auch die als Organisatoren des treudeutschen „Sturmadler“-Jungvolklagers zu medialer Halbberühmtheit gelangten Martin Pfeil und Sebastian Ploner. Letzterer ordert in der kargen Freizeit, die ihm die Paukstunden auf der Olympia-Bude und sein Engagement im RFJ Wien-XV lassen, laut profil auch gerne mal Landser-CDs, „White Power“-T-Hemden und Reichskriegsflaggen beim neonazistischen Aufruhr-Versand. Womit die Saalwette („Wetten, dass sie es nicht schaffen, 20 Wiener Burschen in Farben auf einer Tanzfläche zu versammeln, ohne den einen oder anderen manifesten Rechtsextremen dabei zu haben?“) eindrucksvoll gewonnen werden konnte.

Der Freiheit ehern` Keule.
Nachdem die diversen ballinduzierten Räusche ausgeschlafen waren, war es einmal mehr Andreas Mölzer, der als erster der notorischen Rechtsschreiber wieder Posten bezogen hatte und mit dem rechten Wort zum Tage voranpreschte: Die „linksextremistischen Ausschreitungen“ gegen den Ball machten deutlich, „dass die liberalen Ideale der Korporationen weiterhin verteidigt werden müssen“. Seiner Darstellung der deutschnationalen Verbindungsstudenten als Vorkämpfer von Demokratie und Meinungsfreiheit konnte sich auch der mittlerweile höchst erfolgreich teilalphabetisierte Robert Lizar in der NFZ anschließen – und führte dort gleich auch aus, welche Maßnahmen zur Wahrung dieses liberalen Erbes hoch an der Zeit seien: „Solange gewisse Linke nicht die Keule zu spüren bekommen, wird sich auch nichts ändern.“ Für diese dürfe es ebenso „keinen Platz geben“ wie für „jene Parteien, die uns vor Augen führen, daß [sic] sie lieber auf die österreichische Fahne `brunzen´“. Der Geist von 1848 lebt also, auch wo er eher nach MA 48 riecht. Der konsequenter Schluss von Mr. „Demokratie & Meinungsfreiheit“: „Solche Parteien gehören verboten!“

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gekürzt ebenso nachlesbar in: unique 3/08
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