Mitleid mit Nazibuben?

Mitleid mit Nazibuben?

Seit Anfang des Wintersemesters geht es um die Rampe der Uni Wien wieder mal heiß her: Deutschnationale Verbindungsstudenten stehen Antifaschist_innen gegenüber. Die offiziellen Organe der Uni Wien üben sich einmal mehr in nobler Zurückhaltung.

von Wolf Eichenlaub

Wer dieser Tage Burschenschaftlern begegnet, mag versucht sein, Mitleid zu empfinden. Klar, rechtsextrem und rassistisch, frauenfeindlich und homophob mögen sie sein, aber andererseits: Irgendwie auch arm, oder? Immerhin gehörte es noch vor wenigen Jahrzehnten an Österreichs Unis zum guten Ton, die zerfurchten Visagen zur Schau zu tragen. Schiss ob Schmiss musste mann höchstens davor haben, korporierten Katholerern in die Hände zu fallen, mit denen mann zwar Misogynie und Männerbündelei, die Vorliebe für Selbstunterordnung in der Gruppe und den Ekel vor allem „Linken“ und „Schwachen“ teilte, die jedoch in Sachen Judenklatschen nicht mehr so wollten wie noch vor dem Krieg und nicht zuletzt der Hitlerei meist wenig abgewinnen konnten. Heute dagegen versucht der pragmatische Bursch schon mal, seine Wangenfurchen im Seminar mit einem Unfall beim Schlittschuhlaufen zu erklären. Zur Verschlechterung des allgemeinen Meinungsklimas den Germanomanen gegenüber haben nicht zuletzt die Proteste beigetragen, die seit Anfang Oktober diesen Jahres – wie schon in früheren Semestern – deren allwöchentlichem Aufmarsch Mittwoch mittags auf der Unirampe gelten. Meist endeten die Auseinandersetzungen bislang mit einer von Antifaschist_innen besetzten Rampe und einem kleinlaut im Eckerl stehenden Häufchen Burschis, die mittlerweile die Rampe nur mehr in Begleitung ihrer Brüder im Geiste aus der Hool-Abteilung zu betreten pflegen.

Graf vs. Sex, Drugs & Antifa. Jenseits des universitären Bodens sprang Martin Graf, Burschenschaftler der rechtsextremen Olympia, die regelmäßig brachialantisemitische Nazi-Barden und Pseudohistoriker vom Schlag eines David Irving zu sich einlädt, seinen bedrängten Buben bei. So nützte er, als einer von mindestens elf Korporierten im gegenwärtigen FPÖ-Nationalratsklub, sein dortiges Mandat, um am 7.11. vor laufenden ORF-Kameras in einem Rundumschlag gegen tatsächliche und vermeintliche ÖH-Kampagnen u.a. gegen die „Hetzjagd“ auf „Farbenstudenten“ vom Leder zu ziehen. Zwar schaffte Graf es aller Germanophilie zum Trotz erwartungsgemäß auch diesmal nicht, sich für seine Tiraden eines im engeren Sinn als „Deutsch“ bezeichenbaren Idioms zu befleißigen – dennoch sollten seine Ausfälle bald in humoristischer Hinsicht noch überboten werden. Dies durch jene Ergüsse, die ein Mitglied oder Sympathisant der Rampenschmissis kürzlich auf youtube veröffentlichte (und nach einigen Tagen, wohl in Erkenntnis ihrer Peinlichkeit, beschämt wieder von dort entfernte). Die Machwerke des Nazis mit Latinum vermochten nicht nur durch ihre amateurhafte Machart selbst noch youtube-Standards nach unten zu korrigieren, sondern auch die intellektuelle Kläglichkeit neu-rechter „Denker“ in idealtypischer Weise zu belegen. So waren auf den Videos Aufnahmen der Unirampen-Konfrontationen ebenso liebevoll wie unbeholfen mit Parolen wie „Die Neue Linke muss sterben, damit wir leben“ und verzweifelten Beschwörungsformeln à la „Die Jugend ist national! Ihre Kirche heißt DEUTSCHLAND“ ergänzt worden, deren empirischer Gehalt außerhalb des eigenen Bierdunstkreises eher schwer nachweisbar sein dürfte. Dazu gesellten sich Versatzstücke neurechter Ideologie, welche aus diversen einschlägigen Postillen zusammengeklaut zu haben dem Verfasser zur Selbstinszenierung als „rechter Denker“ offenbar hinreichend erschienen war. Getreu der von Matthias Bleckmann (Wiener B! Bruna Sudetia) geäußerten, einen überzeugenden Beweis jedoch noch missen lassenden Antwort auf die Frage, was Seinesgleichen eigentlich von rechtsextremen Skinheads unterscheide: „Wir denken.“ (ORF-X-Large vom 6.12. 1992)

Großdeutscher Kleingeist. Die erbärmlichen Ergebnisse jener „Denk“-Prozesse, die kaum über postpubertäres Metapolitiker-Spielen, das Verwechseln einer revolutionären Haltung mit ressentimentgeladenem Gejammer und das Verbraten dumpfester Paranoia als Pseudo-„Theorien“ hinausgehen, verweist auf die Eingangsfrage zurück, inwiefern Mitleid mit den rechten Hirnakrobaten angebracht wäre, zumal freilich selbst bei diesen nicht von einer angeborenen „Minderbemitteltheit“ ausgegangen werden kann. Die Aufzucht im treudeutschen Elternhaus, der schon auf der Mittelschülerbude eingeübte Alkoholkonsum im Akkord und schließlich die harten Schläge mit scharfen Gegenständen auf den Kopf dürften sich auf die geistigen Fähigkeiten der Buben eben nicht allzu vorteilhaft auswirken. Studentenverbindungen liefern für dieses Problem jedoch nicht nur die Ursache, sondern gleich auch die Lösung: Selbst wer nichts weiter zu bieten hat als „Mann“ und „deutsch“ zu sein sowie die richtigen Farben zu tragen, und folglich dem eigenen realitätsfernen Gelaber vom „Leistungsprinzip“ keinen rechten Glauben mehr schenken mag, kann dank nach wie vor funktionierender Seilschaften hierzulande immer noch damit rechnen, über die Mitgliedschaft im rechten Verband auf ein geregeltes Fortkommen gebucht zu sein.

Sag mir, wo du stehst. Während Antifaschist_innen trotz aller Tragik solcher Schicksale nicht von ihrem Standpunkt abrücken werden, dass rechtsextreme Denke und Aktivitäten anzugreifen sind, wo und wie immer sie sich äußern, scheint sich die Uni Wien hier mit einer eindeutigen Positionierung deutlich schwerer zu tun. Zumindest steht eine klare Distanzierung von den Umtrieben der Rechtsverbinder an der Uni nach wie vor eben so aus wie konkrete Schritte, um deren Agitation auf universitärem Boden einen Riegel vorzuschieben – dies, obwohl die zahlreichen Medienberichte der letzten Zeit (Falter, Kurier, Der Standard) weidlich Gelegenheit dazu geboten hätten. So werden vermutlich einzig fortgesetzter politischer und medialer Druck sowie entschlossene Aktionen in der Öffentlichkeit jene Stimmung erzeugen können, die es der Uni endgültig unmöglich macht, sich gegenüber derlei Vorgängen auf die Position der unbeteiligten Beobachterin zurückzuziehen.

Dieser Text ist auch in der Unique erschienen