„Durch Reinheit zur Einheit“ – Zum deutschnationalen Korporationswesen in Österreich

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Heribert Schiedel / Martin Tröger

Der Jahreslagebericht 1994 des Innenministeriums erwähnt „zwei Wiener und eine Innsbrucker Burschenschaft (…) als Kaderschmiede nationaler und rechtsextremer Gesinnung“ . Im Bericht 1999 heißt es, dass von mehreren österreichischen Burschenschaften „ein unterschwelliger und verklausulierter Rechtsextremismus ausgeht. Die Agitation dieser Studentenverbindungen lässt auch den Versuch erkennen, auf Umwegen eine gewisse Akzeptanz für nationalsozialistisches Gedankengut zu schaffen.“ Und ein Jahr später kündigen die Behörden ebendort an, dass der von mehreren „Burschenschaften unterschwellig ausgehenden rechtsextremen Ideologieverbreitung (…) im Sinne des Sicherheitspolizeigesetzes weiterhin besonderes Augenmerk zugewendet (wird).“ Laut Hamburger Verfassungsschutz scheinen innerhalb des deutsch-österreichischen Dachverbandes Deutsche Burschenschaft (DB) jene „Kräfte an Gewicht zu gewinnen, die eine starke Affinität zum nationalistischen Lager aufweisen“ . Erwähnung findet in diesem Zusammenhang die Wiener akademische Burschenschaft (aB!) Olympia. Auch der Historiker Michael Gehler kommt zum Schluss, dass Österreichs Burschenschaften in Teilen von einer „bis ins Neonazistische reichenden Gesinnung“ geprägt sind.

Einer pauschalen Charakterisierung aller deutschnationalen Korporationen Österreichs als rechtsextrem oder gar neonazistisch soll hier aber nicht das Wort geredet werden. Vielmehr müssen konkret Publikationen und Veranstaltungspolitik der jeweiligen Verbindung analysiert werden. Daneben ist die Anzahl von (ehemaligen) Neonazis und deren Stellenwert in den einzelnen Korporationen zu berücksichtigen. Über den Grad des Extremismus sagt auch die Mitgliedschaft in den Dachverbänden viel aus. So verließ das gemäßigtere Corps Symposion im Wintersemester 1983/84 den Wiener Korporationsring (WKR) aufgrund dessen „einseitiger Politisierung“. Umgekehrt trat die Innsbrucker Universitätssängerschaft Skalden, bei welcher übrigens der FPÖ-Politiker Ewald Stadler Mitglied ist, 1992 aus der Deutschen Sängerschaft (DS) aus. Dieser Dachverband erlaube es nämlich, dass „auch ein Chinese, falls er sich zur Pflege deutschen Kulturgutes verpflichtet“, in eine DS-Verbindung aufgenommen werden kann. Die Skalden erachten dies als „unakzeptabel“ und wollen ihre völkische „Tradition (…) nicht auf dem Altar einer ‘multikulturellen’ Verwirrungsideologie opfern“. Und als sich die berüchtigte Olympia Anfang 1996 anschickte, erneut den Vorsitz in der DB zu übernehmen, kehrten ihr einige gemäßigtere deutsche Burschenschaften den Rücken.
Grundsätzlich findet die Bereitschaft von KritikerInnen, das deutschnationale Korporationswesen differenziert zu betrachten, seitens nicht﷓rechtsextremer Verbindungen jedoch kaum eine Entsprechung: Korpsgeist und Bunkermentalität verhinderten bis dato eine Ausdifferenzierung der Szene. Somit sind auch jene, die gemeinsam mit rechtsextremen Burschenschaften in Dachverbänden organisiert sind oder Veranstaltungen durchführen, von der Kritik nicht auszunehmen.

Zwischen Macht und Kriminal

In den zu Beginn der 1990er Jahre eingeleiteten und dem verstärkten behördlichen Druck geschuldeten Umstrukturierungsprozessen innerhalb des organisierten Rechtsextremismus Österreichs kommt den deutschnationalen Korporationen hoher Stellenwert zu. Ähnlich der Situation 1933, als nach dem Verbot der NSDAP zahlreiche Burschenschaften neben Turnvereinen als deren Tarnorganisationen dienten, bieten sie auch heute Unterschlupf.

Das martialische Auftreten und die offene Agitation militanter Rechtsextremisten musste Anfang der 1990er Jahre zugunsten ideologischer wie personeller Wühlarbeit weitgehend aufgegeben werden. Der Erfolg gesellschaftlicher Durchdringungsstrategien von korporierten Rechtsextremisten wird befördert durch den Charakter von Studentenverbindungen als männliche Solidargemeinschaften und Seilschaften. Daneben bieten sie aufgrund rigider Aufnahmekriterien und zum Teil exklusiver Veranstaltungspolitik Schutz vor lästigen Einblicken. Neben der ideologischen Nähe zieht diese Schutzfunktion militante Rechtsextremisten auf die Buden der Burschenschaften, welche sich vom Durchlauferhitzer zum Auffangbecken gewandelt haben. Denn während zuvor Burschenschafter wie Gottfried Küssel, Gerd Honsik und Franz Radl jun. sich von ihren Bünden entfernten oder von diesen „unehrenhaft“ entlassen wurden, treten seit geraumer Zeit zum Teil amtsbekannte und verurteilte Neonazis den Korporationen bei. So las sich etwa die Aktivenliste der Wiener aB! Teutonia und der Grenzlandsmannschaft Cimbria zu Beginn der 1990er Jahre wie ein Auszug aus dem Mitgliederverzeichnis der Volkstreuen Außerparlamentarischen Opposition (VAPO).

Der Bedeutungszuwachs deutschnationaler Korporationen für den Rechtsextremismus wird auch durch schon länger anhaltende Versuche, diesen zu intellektualisieren, begünstigt. Eine vorschnelle Etikettierung des korporierten Milieus als „neurechts“ erscheint dennoch nicht angebracht. Gerade die Burschenschaften zeigen sich weitgehend resistent gegenüber programmatischen Erneuerungen. Dies wird auch von Jürgen Hatzenbichler, einem prominenten Vertreter der modernisierungsbereiten Rechten, eingestanden. So meint der Burschenschafter (pennale Burschenschaft (pB!) Hans Steinacher, Völkermarkt) resignierend, dass die „Positionen der Alten Rechten (…) leider auch im Bereich der Korporationen vielfach noch heruntergeleiert (werden)“ .
Die Radikalität des Deutschnationalismus in Österreich, die jede mäßigende Innovation sofort als Verrat am „deutschen“ Gedanken erscheinen lässt, steht tatsächlich einem Abrücken von der „Alten Rechten“ im Wege. Daneben binden Männertreue und Lebensbundprinzip die Generationen aneinander und verhindern eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der NS﷓Vergangenheit zahlreicher „Alter Herren“. So hält die Grazer aB! Arminia das Andenken an Bundesbruder Ernst Kaltenbrunner – als einer der Haupttäter des NS﷓Vernichtungswerkes in Nürnberg hingerichtet – bis heute hoch. Der Euthanasiearzt und erste Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka, Irmfried Eberl, wird immer noch als Alter Herr der Innsbrucker aB! Germania geführt. Ein anderer Kriegsverbrecher, der zu lebenslanger Haft verurteilte Rudolf Heß, wurde 1987 vom Dachverband Deutsche Burschenschaft in Österreich (DBÖ) gar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Doch erschöpft sich die Bedeutung der Burschenschaften nicht in der Funktion einer Kaderschmiede oder eines Auffangbeckens für den militanten Rechtsextremismus (Neonazismus), auch die entliberalisierte Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) rekrutiert ihr Führungspersonal wieder vorrangig im korporierten Milieu. Insbesondere nach der Abspaltung des BZÖ im April 2005 wurde die FPÖ wieder zur Burschenschafter-Partei. So sind 2006 von den 19 männlichen Nationalratsabgeordneten 11 – nach fremder Zählung gar 15 – Mitglieder deutschnationaler Korporationen.
Schon 1986 waren völkisch Korporierte maßgeblich daran beteiligt, Jörg Haider (pB! Albia, Bad Ischl und aB! Silvania, Wien) als FPÖ﷓Obmann durchzusetzen. Als Folge der Eskalation rassistischer Gewalt Ende 1993 setzte seitens der FPÖ﷓Spitze jedoch nach außen hin eine gewisse Absetzbewegung vom eigenen korporierten Umfeld ein. Haider selbst distanzierte sich Anfang 1995 vom Burschenschafter﷓Zentralorgan Aula, die damals als Stichwortgeberin der Bajuwarischen Befreiungsarmee (BBA) durch die Medien ging. Die im Sommer 1995 folgende Verurteilung des Aula﷓Verantwortlichen nach dem NS﷓Verbotsgesetz tat das ihrige, um die einst so engen Bande zwischen Aula und FPÖ kurzfristig etwas zu lockern. In der Folge legte das „freiheitliche Magazin“ unter der Verantwortung des ehemaligen NSDAP-Mannes und FPÖ-Nationalrates Otto Scrinzi (VDSt, Innsbruck) jede taktische Rücksichtnahme ab. In der Aula wird schon mal für Publikationen geworben, in welchen die Shoah geleugnet wird. Auch ist dort die Rede vom „auf uns lastende(n) althebräische(n) Zinseszinssystem“, von Hitler als „unerwünschte(n), weil erfolgreiche(n) Sozialrevolutionär“, dessen durchgesetztes „Primat der Politik über die Wirtschaft (…) gewissermaßen das Todesurteil der kapitalistisch geführten Welt heraus(forderte).“ All das und vieles mehr kann jedoch hochrangige FPÖ-Funktionäre nicht davor abhalten, weiter in der Aula zu publizieren. Nach wie vor bezeichnet die FPÖ selbst die Freiheitlichen Akademikerverbände (FAV) und die von diesen herausgegebene Aula als ihre „Vorfeldorganisationen“.

Das Verhältnis der FPÖ zum burschenschaftlichen Vorfeld wurde vorübergehend auch durch programmatische Auseinandersetzungen getrübt. Nachdem schon das von Haider im Sommer 1996 verordnete Abrücken der FPÖ von jeder Deutschtümelei auf Widerstand im korporierten Milieu gestoßen war, tat sich dieses auch in der letzten Programmdebatte hervor. Insbesondere der Passus vom „wehrhaften Christentum“ erschien den Antiklerikalen in der Tradition eines Georg Ritter von Schönerer, bis heute „Ehrenbursch“ zahlreicher Verbindungen, als Affront. Als Kompromiss fand schließlich ein „Christentum, das seine Werte verteidigt“ Eingang in das neue Parteiprogramm. Das selbstbewusste Auftreten der burschenschaftlich dominierten Wiener Landesgruppe und ihres mittlerweile verstorbenen Obmannes Rainer Pawkowicz (aB! Aldania und Vandalia) in der Debatte zeigte die wieder anwachsende Bedeutung des korporierten Milieus innerhalb der FPÖ.

Diese Bedeutung wuchs mit der Regierungsbeteiligung der FPÖ noch weiter an. Im Gefolge der freiheitlichen Regierungsmitglieder Dieter Böhmdorfer (aB! Südmark, ein Ableger der aB! Silvania ), Herbert Haupt (akad. Landsmannschaft Kärnten zu Wien) und Reinhart Waneck (AV! Wartburg) rückten Burschenschafter verstärkt zu den Hebeln der politischen Macht vor. Auch in staatsnahen Betrieben und Forschungseinrichtungen konnten sie Terrain gewinnen. Und in den neu geschaffenen „Universitätsräten“ fanden zahlreiche „Alte Herren“ Platz. Das hob das Selbstbewusstsein: Die vormaligen Opfer des NS-Verbotsgesetzes sahen die Sterne für dessen Aufweichen offenbar günstig stehen. Der Olympe Walter Asperl verlangte stellvertretend für das ganze Milieu, dass „sich Minister mit burschenschaftlichem Hintergrund für den Freiheitsgedanken einsetzen – besonders in der Justiz, wo endlich etwas gegen die menschenrechtswidrigen Bestimmungen wie das Verbotsgesetz getan werden muss.“ In der regierungsnahen Wochenzeitung Zur Zeit, dem von Andreas Mölzer (C! Vandalia, Graz) redigierten und mit herausgegebenen Ableger der deutschen Jungen Freiheit, stieß man sich etwa an der Tatsache, dass das Bundesministerium für Inneres in seinem Rechtsextremismus-Bericht 1999 „30 schlagende Studentenverbindungen unter die Lupe genommen“ habe. Die oben zitierte Einschätzung der Staatsschützer wurde als diffamierende „Unterstellungen“ abgetan. Demgegenüber rief Zur Zeit die korporierten FPÖ-Regierungsmitglieder auf, „mit ihrem Regierungskollegen im Innenministerium ein Einvernehmen herzustellen, um diese Gesinnungsschnüffelei in korporierten Kreisen und diese Diffamierung der studentischen Korporationen (…) abzustellen.“ Das dürfte dann auch geschehen sein. Nachdem die Burschenschaften auch im Jahreslagebericht 2000 Erwähnung gefunden hatten, intervenierten FPÖ-Politiker wütend im Innenministerium. Mit Erfolg: In Zukunft wird kein gesonderter Bericht über den Rechtsextremismus in Österreich mehr erscheinen.

Der FPÖ-Nationalrat Martin Graf (aB! Olympia) geht noch einen Schritt weiter und lehnt das NS-Verbotsgesetz grundsätzlich ab: „Es muß in einer demokratischen Welt zulässig sein, ein Gesetz, das die Meinungsfreiheit und die politische Tätigkeit einschränkt, zu kritisieren.“ Damit liegt der Politiker voll auf der Linie seiner Verbindung, bezeichnet diese doch die behördlichen Schritte gegen die Leugnung der Shoah und andere Geschichtsfälschungen als „Rückfall in eine längst überwunden geglaubte Zeit der geistigen Unfreiheit“. Die Olympen weiter: „Wenn ein Deutscher über einzelne ‘sensible’ Fragen der Geschichte nur in den von den Umerziehern und ihren deutschen Helfern vorgegebenen Bahnen denken und sprechen darf, stellt dies eindeutig einen Mangel an Meinungs﷓ und Redefreiheit und somit auch ein Fehlen der Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre dar.“

Für ein Opfer mangelnder Redefreiheit machte sich die Olympia 1993 stark: In einem Brief an die rechtsextremen fakten teilte man dem Herausgeber die „Enttäuschung und Betroffenheit“ darüber mit, dass dieser gemeint habe, zum Urteil gegen den Neonazi Gottfried Küssel „schweigen zu müssen“. Die Olympen forderten demgegenüber: „Niemand darf dazu schweigen, jeder muß im Rahmen seiner Möglichkeiten zu diesem Unrecht Stellung beziehen.“
Angesichts solcher Töne überrascht es nicht, dass die Olympia am DB-Burschentag 1998 mit einem Antrag gegen das NS-Verbotsgesetz vorpreschte. Aber anstatt diesen anzunehmen, erteilte der Burschentag den Auftrag, ein Seminar zur Thematik zu organisieren. Beim Anfang 1999 durchgeführten Seminar kam es dann zur Formulierung eines neuen Antrages an den folgenden Burschentag. Dieser stellt mit seinen vagen Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit des Verbotes der NS-Wiederbetätigung und der „Volksverhetzung“ offensichtlich einen Kompromiss dar.

Völkischer Nationalismus

Die Aktivitäten österreichischer Burschenschafter werden tatsächlich in einem zentralen Punkt eingeschränkt: Der Staatsvertrag verbietet jede großdeutsche Propaganda und Handlung, welche die Selbständigkeit der Republik untergräbt und auf den „Anschluss“ an Deutschland zielt. Damit trifft die Verfassung den Kern burschenschaftlichen Selbstverständnisses – den Deutschnationalismus. Seine Propagandisten sind daher angehalten, ihre Ablehnung der österreichischen Nation mit einem Bekenntnis zur staatlichen Unabhängigkeit zu verbinden. Die Behauptung, bei den ÖsterreicherInnen handle es sich einerseits um BürgerInnen eines souveränen Staates, andererseits um Angehörige der „deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft“ , ist nur dann richtig zu bestimmen, wenn der unterschiedliche Stellenwert von Staat und „Volk“ im burschenschaftlichen Milieu mitgedacht wird.

Im Mittelpunkt burschenschaftlichen Selbstverständnisses steht das völkische Menschen﷓ und Weltbild, wie es im Zusammenhang mit den deutschen „Befreiungskrieg“ gegen die Heere Napoleons entworfen wurde. Basierend auf den Schriften von Fichte, Jahn, Fries und Arndt und in militanter Opposition zur aufgeklärten Idee der Nation als politische Willensgemeinschaft wurde das „Volk“ zur natürlichen Abstammungsgemeinschaft erhoben. Schon die Gründerväter der burschenschaftlichen Bewegung definierten ihr „Deutsches Volk“ in Abgrenzung zum „Judentum“. Die von den französischen Heeren aus dem Ghetto befreiten Jüdinnen und Juden wurden als Fünfte Kolonne Frankreichs identifiziert.

Gleichzeitig erwuchs insbesondere unter der akademischen Jugend aus der enttäuschten Hoffnung auf staatliche Einigung jenes rebellische Ressentiment gegen die adelige Obrigkeit, das bis heute mit revolutionärem Freiheitsdrang verwechselt wird. Diese kollektive Enttäuschung der Studenten, die in „Freikorps“ gegen die französischen Truppen gezogen waren und sich danach in Burschenschaften organisierten, verschaffte sich 1817 am Wartburgfest erstmals Luft. Das Treffen im Andenken an die Schlacht bei Leipzig und die Lutherische Reformation wurde von Jahn initiiert und gipfelte in der ersten deutschen Bücherverbrennung. Dabei kam die spezifische Verbindung von romantischem Freiheitsdrang, nationalem Einigungswunsch und völkischem Reinheitswahn zum Ausdruck. Denn verbrannt wurden nicht nur Symbole und Schriften der verhassten spätabsolutistischen Diktatur, sondern auch das kodifizierte bürgerliche Recht, der Code-Napoleon, und Saul Aschers „Germanomanie“. Geradezu mit prophetischem Weitblick warnte Heinrich Heine angesichts dieser symbolischen Ermordung eines jüdischen Autors: „Dies war ein Vorspiel nur; dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“

Am Wartburgfest wurde unter anderem eine Schrift von Jacob Friedrich Fries verlesen. Der Heidelberger Professor, dieser „Heerführer“ der völkischen „Seichtigkeit“ (Hegel), forderte 1816 in seiner Hetzschrift „Über die Gefährdung des Wohlstandes und des Charakters der Deutschen durch die Juden“, dass diese „Kaste mit Stumpf und Stiel ausgerottet“ werde. Die Rede von der Ausrottung der Jüdinnen und Juden hat nicht länger metaphorischen Charakter, der Vernichtungswunsch bezieht sich nicht mehr nur auf deren „Volkstum“, das durch die Taufe überwunden werden könne. Insbesondere im vulgären Antisemitismus wurden zunehmend offene Mord- und Vertreibungsgelüste laut. Der Mob verband die gelehrige Rede vom „Untergang des Judentums“ mit seinen disparaten Stimmungen angesichts der restaurativen Diktatur und der Krisenerfahrung – er schritt zur antisemitischen Tat. In den maßgeblich von studentischen Einpeitschern und christlichen Kaufleuten organisierten und als „Hep-Hep-Krawalle“ in die Geschichte eingegangenen Pogromen von 1819 verband sich der Kampf gegen die fürstliche Willkür mit völkischem Ressentiment. Die in der burschenschaftlichen Literatur dauernd als Reaktion auf die Ermordung Kotzebues und den Freiheitsdrang der Studenten dargestellten „Karlsbader Beschlüsse“ vom Herbst 1819 waren auch eine Reaktion auf die tagelangen Ausschreitungen gegen Jüdinnen und Juden. Mit dem Verbot des Korporationsunwesens und der Verfolgung der deuschtümelnden Demagogen konnte dem pogromistischen Mob zumindest die Führung genommen werden.

Entgegen aller korporierten Legenden war der Antisemitismus von Anfang an fixer Bestandteil burschenschaftlichen Lebens. Bereits die „Urburschenschaft“ bestimmte, dass „nur ein Deutscher und Christ“ Mitglied werden dürfe. Bei der Vereinigung der bereits bestehenden Burschenschaften zur Allgemeinen Deutschen Burschenschaft (1818) stritt man um den „Arierparagraphen“. Dieser fand 1820 am geheimen Burschentag in Dresden eine Mehrheit, wobei sich zunächst nicht alle Burschenschaften an diesen Beschluss hielten. Dass er 1831 wieder zurückgenommen wurde, ist Ausdruck einer Kräfteverschiebung. Denn neben der völkischen Gruppe existierten tatsächlich demokratisch-jakobinische Strömungen. Diese erhielten unter dem Eindruck der Pariser Julirevolution von 1830 Aufwind. Jahn und seine Germanomanen sahen darin zu recht ein Abrücken von den Idealen der „Urburschenschaft“. Sie wetterten gegen die „Verjudung“ und „Verwälschung“ der Bewegung, die am Vorabend der 48er Revolution tief gespalten war.
Nach dem Scheitern der Revolution, das gleichbedeutend ist mit der endgültigen Niederlage demokratischer Positionen innerhalb der Burschenschaften, gewann die völkische Richtung, die 1848 im Abseits war, wieder Oberhand. Nun stimmte man ein in den Chor der Reaktion, welche die Revolution von Anfang an als „jüdisch“ und das Werk „ausländischer Rädelsführer“ denunziert hatte. Mit der Übernahme dieser Verschwörungstheorie konnten sich vormalige Revolutionäre leichter der alten Herrschaft unterwerfen.
Wenn Burschenschafter sich heute in die Tradition der bürgerlichen Revolutionäre stellen, welche die politischen Rechte der Männer nicht mehr an die Konfession banden, beziehen sie sich auf jene liberale, bürgerlich-demokratische Position, gegen welche die „Urburschenschaft“ gerade gegründet wurde. Angesichts derartig dreister Kontinuitätsbezüge wirkt die fundamentalistische Offenheit der Aula geradezu erfrischend: Im Zentralorgan der Szene wird an die militante Frontstellung der Burschenschaften zum „jakobinisch-freimaurerischen Gedankengut der französischen Revolution“ erinnert.

Ausgestattet mit kollektiven Eigenschaften und Interessen wurde das „Volk“ nicht nur gegen innere (Jüdinnen und Juden) und äußere Feinde (Frankreich), sondern auch gegen das Individuum als politisches Subjekt konstruiert. Der völkische Antiliberalismus ordnet die irrationale Kategorie des „Volkes“ jedem politischen Denken und Handeln über. Damit verbunden ist eine Geringschätzung des Individuums, welches sich voll und ganz den „volklichen Interessen“ zu unterwerfen habe. In der „Festschrift“ der Olympia kommt der irrationale, ja quasi﷓religiöse Gehalt völkischer Weltanschauung zum Ausdruck: „Dieser Glaube an die besondere Bestimmung und Bedeutung des Volkstums richtete sich gegen die übersteigerten individualistischen und weltbürgerlichen Tendenzen der Aufklärung. Man wußte oder fühlte zumindest, daß es der Gemeinschafts﷓Mythos ist, der der Gesellschaft ihren Zusammenhalt als Nation gibt. Der westliche Liberalismus aber, dessen Ideal die bloße individuelle Freiheit ist und der daher das menschliche Handeln auf die materielle Daseinsvorsorge beschränken will, zerstört die Gemeinschaft, indem er sie systematisch um ihre Tiefen﷓Dimension bringt.“

Gerade die österreichischen Burschenschaften, die sich ab den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts konstituierten, lehnten schon lange vor dem Nationalsozialismus die Gleichsetzung von Staats﷓ und Volksgrenzen, von StaatsbürgerInnen und Angehörigen eines „Volkes“ (den späteren „Volksgenossen“) ab. Im „volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff“ der Burschenschaften, in welchem die „deutsche Nation unabhängig von staatlichen Grenzen (existiert)“ , lebt diese Anschauung bis heute fort. Unter den gegenwärtigen politisch-rechtlichen Bedingungen ist dieser völkische Nationalismus aber nicht mehr unmittelbar in Forderungen nach einer neuerlichen „Wiedervereinigung“ des „deutschen Volkes“ übersetzbar. Das Ziel burschenschaftlichen Engagements in Österreich wird daher heute kryptisch damit umschrieben, „den Gedanken an die deutsche Einheit wachzuhalten“ . Gleichzeitig wird versucht, mit Hinweisen auf das Selbstbestimmungsrecht und die angebliche Willkürlichkeit der gegenwärtigen Grenzen, die großdeutsche Idee am Leben zu halten. So heißt es auf der Internetseite der Oberösterreicher Germanen: „Unser Vaterland ist die angestammte kulturelle und geistige Heimat aller Deutschen, unabhängig von staatlichen Grenzen. Das Vaterland und seine kulturelle Identität auf der Basis des Selbstbestimmungsrechtes der Völker zu bewahren, lebendig zu erhalten und zu schützen, ist Pflicht jedes Deutschen.“ Der Olympe und FPÖ-Politiker Graf hat ebenfalls Probleme mit der Grenzziehung: „Die heutigen Staatsgrenzen wurden willkürlich gezogen; das deutsche Volkstum muß sich frei in Europa entfalten können.“ Wie sich die Olympia eine freie Entfaltung des Deutschtums vorstellt, geht auch aus Flugblättern hervor, die noch in den 1980er Jahren zum „Tag der deutschen Einheit“ verteilt wurden: Diese zeigen ein Deutschland in den „Reichsgrenzen“ vom 1. September 1939. Eine derartige Landkarte hängt bis heute auch auf den Buden zahlreicher deutschnationalen Korporationen, etwa bei der Wiener aB! Aldania , die zahlreiche Wiener FPÖ-Politiker (u. a. Eduard Schock und Johann Herzog) zu ihren Mitgliedern zählt.

Männliche Eliten

Deutschnationale Korporationen kommt seit dem späten 19. Jahrhundert die soziale Funktion einer männlichen Elitenreproduktionsstätte zu. In Uniformierung und stolzer Zurschaustellung der „Schmisse“ heben sich nationalfreiheitlich Korporierte aus der Masse der Studierenden hervor. Als Männerbund perpetuieren sie den Ausschluss der Frauen von universitärer Bildung.

Die streng regelmentierte und hierarchisierte Gemeinschaft auf den Verbindungshäusern erzieht daneben den Einzelnen zu jenen Denk﷓ und Verhaltensweisen, die gemeinhin autoritären Charakterstrukturen zugeschrieben werden. Der Soziologe Norbert Elias hat in seinen „Studien über die Deutschen“ die Ausbildung dieser Charaktere präzise beschrieben: „Der Mensch, der durch das Training der Mensuren ging, benötigte zur Zähmung seiner sozial verstärkten Kampfimpulse eine unterstützende Gesellschaft mit einer klaren Über﷓ und Unterordnung, mit einer Hierarchie des Befehlens und Gehorchens. Er entwickelte eine Persönlichkeitsstruktur, bei der die Selbstzwänge, also auch das eigenen Gewissen, der Unterstützung durch den Fremdzwang einer starken Herrschaft bedurften, um funktionieren zu können. Die Autonomie des individuellen Gewissens war begrenzt.“ Über das Erziehungsinstrument der Mensur werden nicht nur Sekundärtugenden wie Tapferkeit oder Gehorsam eingeübt, sondern auch jene Härte und moralische Indifferenz, die Elias als „menschlichen Habitus ohne Mitleid“ beschrieb.
Über das (burschenschaftliche oder „deutsche“) Erziehungsideal der Härte meinte auch Adorno: „Die Vorstellung, Männlichkeit bestehe in einem Höchstmaß an Ertragenkönnen, wurde längst zum Deckbild eines Masochismus, der – wie die Psychologie dartat – mit dem Sadismus nur allzu leicht sich zusammenfindet. Das gepriesene Hart-Sein, zu dem da erzogen werden soll, bedeutet Gleichgültigkeit gegen den Schmerz schlechthin. Dabei wird zwischen dem eigenen und dem anderer gar nicht einmal so sehr fest unterschieden. Wer hart gegen sich ist, erkauft sich das Recht, hart auch gegen andere zu sein, und rächt sich für den Schmerz, dessen Regungen er nicht zeigen durfte, die er verdrängen mußte.“

In der burschenschaftlichen Beschreibung der Mensur, die auch Initiationsritus ist und ihren Ursprung im Duell hat, kommt darüber hinaus die schon oben angedeutete Geringschätzung des Individuums zum Ausdruck: „Wird in einem Ritual absichtlich Blut vergossen, so bedeutet das in der Regel, daß der Wert, zu dessen Ehren das Blut fließt, höher geachtet wird als das Leben des Blutenden.“ Als jener „Wert“, dem das Leben des Einzelnen zu opfern ist, erscheint stets das (deutsche) „Vaterland“.

Antisemitismus

Neben dem völkischen oder deutschen Nationalismus und einem spezifischen Männerbild stellt der eliminatorische und sehr bald auch exterminatorische Antisemitismus ein konstituierendes Moment der Burschenschafterbewegung gerade in Österreich dar. Während in Deutschland noch über einen „Arierparagraphen“ diskutiert wurde, nahmen ihn die „Ostmärker“ in ihrer Praxis bereits vorweg. Die aB! Libertas (Wien) hat 1878 als erste österreichische Verbindung Juden die Mitgliedschaft verwehrt, und bereits um 1890 fanden sich unter den Aktiven der „deutschen“ Burschenschaften Österreichs keine jüdischen Studenten mehr. 1896 wurde diesen am Waidhofener Verbandstag auch das Recht auf „Genugtuung“ im Duell abgesprochen. Die Wiener aB! Silesia begründete diesen Schritt nicht nur mit einer „angeborenen Feigheit der Juden“, sondern auch mit dem Grundsatz, „daß man eine unsere nationale Existenz und germanische Moral gefährdende Rasse isolieren müsse.“ Es waren in der Folge vor allem österreichische Burschenschafter, die versuchten, den nunmehr rassistisch argumentierenden Antisemitismus in den Dachverbänden durchzusetzen. Mit Erfolg: Die DB verlieh am Burschentag 1920 der „Überzeugung“ Ausdruck, „daß die ererbten Rasseeigenschaften der Juden durch die Taufe nicht berührt werden“ .

Dass der korporierte Antisemitismus gerade in Österreich eine Kontinuität über 1945 hinaus aufweist, wird vereinzelt sogar von Angehörigen des Milieus eingeräumt. So bedauert der deutschnational Korporierte Harald Seewann, dass „auch heute noch in der Auffassung einzelner die Waidhofener Beschlüsse nicht überwunden scheinen“ . Tatsächlich verteidigten österreichische Burschenschafter den „Arierparagraphen“ auch nach 1945. Noch in den 60er Jahren rühmten sich Verbindungen „die jüdischen Elemente entfernt“ zu haben oder „seit 1882 judenrein“ zu sein. Der „Pauk﷓Comment“ der Wiener pennalen Waffenstudenten legte in §4 fest: „Genugtuungsfähig auf Schläger ist jeder ehrenhafte arische Mensch.“ Und die aB! Suevia argumentierte 1960 gegenüber deutschen Kameraden: „Wir müssen (…) betonen, daß es für die Deutsche Burschenschaft in Österreich unmöglich ist, Nichtdeutsche aufzunehmen. Wir (…) stehen auf dem allein burschenschaftlichen Standpunkt, daß somit auch der Jude in der Burschenschaft keinen Platz hat.“ Angesichts eines derartigen Standpunktes überrascht es kaum, wenn auch mal Taten folgen. So verwüsteten im November 1961 zwei Burschenschafter den jüdischen Friedhof in Innsbruck. Einer der Täter, Aktivist der Suevia, zwängte seinen Antisemitismus zuvor in holprige Reimform: „…der einzige Feind, den es Wert ist zu hassen/und unter Umständen auch zu vergasen/ist doch der ewige Jude, der heute/wie früher die dummen, weil ehrlichen Leute bestiehlt/und uns allen die Frischluft wegsaugt/nicht ahnend, daß er nur zum Einheitzen taugt./Die Zeit wird bald kommen, darauf ist Verlaß/daß man ihn zum letztenmal setzt unter Gas./Dann werdet auch Ihr, trotz Aktiven-Allüren,/das Feuer von Auschwitz behüten und schüren./Wir werden, wenn auch ohne Mütze und Band,/die Gasöfen füllen bis an den Rand.“

„Heim ins Reich“

Den „Anschluss“, noch 1988 in einer von Herwig Nachtmann (aB! Brixia) verantworteten Aula-Broschüre als „Wiedervereinigung“ bezeichnet, feierten die Burschenschaften mit dem Aufziehen von Hakenkreuzfahnen. Die Machteinsetzung der NSDAP wurde zuvor im Organ der DB bejubelt: „Was wir seit Jahren ersehnt und erstrebt und wofür wir im Geiste der Burschenschaft von 1817 jahraus, jahrein an uns gearbeitet haben, ist Tatsache geworden.“ Bis aber „der Traum der Deutschen Burschenschaft vom großen Reiche aller Deutschen Wirklichkeit wurde“ , mussten die korporierten Nazis in Österreich noch durch die Widrigkeiten der Illegalität. Über die Bedeutung der Burschenschaften nach dem Verbot der NSDAP 1933 meinte der Rektor der Universität Wien im März 1938: „Das große Verdienst der deutsch eingestellten studentischen Korporationen Österreichs besteht darin, daß sie sich in der Zeit des Kampfes restlos in den illegalen politischen Aufbau eingefügt haben. Jede Körperschaft bildete einen in sich geschlossenen Kampftruppenteil.“

Als Entlastungsargument führen Burschenschafter heute dennoch gerne an, ihre Verbindungen seien 1938 unter Zwang aufgelöst worden. Diese Behauptung hat seine Berechtigung nur für das katholische Verbindungswesen und einige nicht-nazistische Corps, hingegen lösten sich die österreichischen Burschenschaften feierlich selbst auf und gliederten sich zum Großteil als Kameradschaften in den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund ein. Von gedrückter Stimmung angesichts dieses Schrittes ist zumindest bei der Olympia nichts zu bemerken: „Bei der eindrucksvollen Feier im großen Konzerthaussaal anläßlich der Überführung der waffenstudentischen Korporationen in die Gliederungen der NSDAP wurden die Farben das letzte Mal in der Öffentlichkeit getragen.“
Ein derart offenes Bekenntnis zur nationalsozialistischen Vergangenheit ist heute nur mehr selten anzutreffen. Stattdessen wird in der apologetischen Geschichtsschreibung das „Dritte Reich“ in der Regel einfach übersprungen. So heißt es in einer aktuellen Selbstdarstellung der aB! Armina Czernowitz zu Linz, man habe den „Aktivbetrieb“ am 30. März 1940 sistiert. Darüber, dass die NS-Kameradschaft Hans Kudlich ab 1943 auch Traditionsträgerin der Arminen war, findet sich kein Wort.

Der historischen Wirklichkeit zum Trotz gehört die Behauptung, von den Nazis „verboten“ worden zu sein, zum Standardrepertoire von Burschenschaftern. Verboten wurden nationalfreiheitliche Verbindungen in Österreich tatsächlich des Öfteren – nur nicht 1938. Die Behörden lösten 1896 und danach einige jener Verbindungen auf, die sich das „Waidhofener Prinzip“ zu Eigen gemacht hatten. 1933/34 wurden zahlreiche Burschenschaften als Tarngruppen der illegalen NSDAP verboten, nach 1945 kurzfristig als deren Gliederungen. Die Olympia sah sich daneben zwischen 1961 und 1973 erneut mit einem Verbot konfrontiert.

Daneben dient der vereinzelte Widerstand von deutschnational Korporierten der Reinwaschung des ganzen Milieus. Diese Selbstverleugnung war nicht immer vorherrschend: 1955 wurde es noch abgelehnt, „’Widerständler’ aus unseren Reihen zu benennen und sie als Schild zu mißbrauchen“ . Auch in der Aula verschloss man sich zunächst den Versuchen, „einen nationalen Widerstand zu konstruieren“ . Dieser Linie blieb die DB weitgehend treu: Zwar wurden auf den Burschentagen 2004 und 2005 Stimmen laut, die ein Bekenntnis zum 20. Juli 1944 forderten, jedoch setzte sich die Mehrheit mit ihrem Bekenntnis zum „soldatischen Eid“, welcher jede Widerstandshandlung als „Verrat“ erscheinen lässt, durch. Auf einem Seminar zum Thema wurden im Februar 2006 die unterschiedlichen Sichtweisen noch einmal referiert, zu einer Annäherung der differierenden Einschätzungen kam es jedoch nicht. Nach wie vor steht innerhalb der DB die Verurteilung des 20. Juli 1944 unvermittelt neben seiner Würdigung.

Neben dem Ausblenden der Verstrickungen von Burschenschaftern in die NS-Herrschaft ist in burschenschaftlichen Kreisen auch die Leugnung oder Verharmlosung der NS﷓Verbrechen und der deutschen Kriegsschuld („Revisionismus“) verbreitet. Die Innsbrucker Brixen wollten beispielsweise am 9. November (!) 1989 den „revisionistischen“ Ausfällen des britischen Holocaust-Leugners David Irving lauschen. Dieser wurde jedoch nach seinen unmittelbar davor gehaltenen Vorträgen vor Burschenschaftern und Neonazis in Leoben und Wien zur Fahndung ausgeschrieben. Daher mussten die Brixen mit Irving ins benachbarte Bayern ausweichen. Am 11. November 2005 konnte der Haftbefehl dann exekutiert werden: Irving wurde am Vorabend des „Stiftungsfestes“ der Olympia, welches er als „Festredner“ beehren sollte, verhaftet. Im Februar 2006 wurde Irving nach dem Verbotsgesetz zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Nachdem der Berufungssenat unter dem FPÖ-nahen Richter Ernst Maurer Ende Dezember 2006 die Haftdauer um zwei Drittel reduziert hatte, wurde Irving entlassen und nach England abgeschoben.

Kontinuität und Neuanfang

Stellvertretend formuliert die Olympia die Ablehnung der nachfaschistischen Umwälzungen: „Gleich nach Kriegsende setzte die von den Siegern betriebene systematische Umerziehung (reeducation) ein, die einen intensiven Wandel des Denkens, der Empfindungen und Verhaltensweisen erreichen wollte und auch erreichte. Alle Ideen und Überzeugungen, die nach Meinung der Sieger zu der politischen, moralischen und charakterlichen Korrumpierung der Deutschen geführt hatten, sollten ein für allemal ausgerottet werden. (…) Die entstandene geistig﷓kulturelle Bewußtsseinslücke wurde durch die Etablierung der westlich﷓pluralistischen Gesellschaftsform ‘ausgefüllt’.“

Tatsächlich sehen sich Burschenschafter bis heute als Besiegte und den 8. Mai 1945 als „totale Niederlage“ . Als Gliederungen der NSDAP wurden die Burschen﷓ bzw. Kameradschaften 1945 aufgelöst, das Schlagen von Mensuren wurde genauso verboten wie der Aufzug mit Mütze und Band auf Universitätsgelände. Die deutschnationalen Männerbünde waren zunächst angehalten, die Kontinuitäten mittels Auftreten unter unverfänglichem Namen zu verdecken. So rekonstituierte sich etwa die Olympia 1948 als Akademische Tafelrunde Laetitia. Als mehr oder weniger belastete NS﷓Kader hatten zahlreiche Korporierte mit den Widrigkeiten der Entnazifizierung zu kämpfen: „Ein Großteil der Überlebenden“, heißt es bei der Olympia, „war politisch verfolgt und mit Berufsverbot belegt.“ Aber bald verspürten die Korporierten das Nachlassen des Entnazifizierungseifers und somit wieder Aufwind. Mit dem gesamten „Dritten Lager“, das spätestens 1938 fast zur Gänze in der NSDAP aufgegangen war, konsolidierte sich ab 1948 auch das burschenschaftliche Milieu. Die rituellen Fechtduelle wurden 1952 wieder erlaubt, zwei Jahre später durften deutschnational Korporierte wieder mit Mütze und Band an die Hochschulen. Diese glichen spätestens ab 1955 dem Bild zwischen 1920 und 1938: Hochburgen des Antisemitismus und Rassismus.

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde das neue alte Selbstbewusstsein der akademischen Rechtsextremen 1959 bei einem Umzug in Wien anlässlich der „Schiller-Feiern“ vor Augen geführt. Dabei kam es zu Übergriffen auf antifaschistische DemonstrantInnen. Überhaupt war die Renaissance der Burschenschaften begleitet von Gewalt: So kam es 1961 in Innsbruck zu Übergriffen auf US-amerikanische Studenten, die dabei als „Juden“ beschimpft wurden. 1965 stürmten rechtsextreme Schläger unter „Hoch Auschwitz!“-Rufen eine Demonstration gegen einen antisemitischen Professor. Dabei erschlug ein Olympe den ehemaligen KZ-Häftling Ernst Kirchweger.

Dass diese Gewalttätigkeit zum Kern burschenschaftlichen Selbstverständnisses gehört, zeigt ein Reim in der Aula: „Man muß nun mit den linken Knechten/mit ihren eignen Waffen fechten;/es hemmt nur ihren Tatendrang/der gute alte Holzkommang./Dann spricht sich ‘rum geschwind,/daß Burschenschafter Burschen sind!/Die Mensuren sind deswegen/in die Uni zu verlegen/dort kämpfe man um den Bestand/von Ehre, Freiheit, Vaterland!/Wer kräftig Hieb um Hieb austeilt,/schon durch das Beispiel Füchse keilt.“

Zu Beginn der 60er Jahre stiegen Burschenschafter in den Südtirolterror ein und ließen diesen eskalieren. Richtete sich dieser ursprünglich gegen Sachen, so nahmen die „Volkstumskämpfer“ rund um Norbert Burger (aB! Olympia) den Tod auch von ZivilistInnen bewusst in Kauf. Diese mörderische Terrorkampagne wird nach wie vor als „Einsatz für das bedrohte Grenzlanddeutschtum“ verharmlost. Und FPÖ-Nationalrat Graf meint noch heute über den 1992 verstorbenen Neonazi: „Ich habe Norbert Burger immer geschätzt und tue das auch über den Tod hinaus.“ Dieser Verbundenheit unter dem Dach einer Burschenschaft kann offenbar auch nicht die Tatsache Abbruch tun, dass Burger in Italien wegen mehrfachen Mordes in Abwesenheit zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden war. Als eine der spärlichen Reaktionen wurde die Olympia, die das organisatorische Zentrum des Neonazi-Terrors darstellte, 1961 behördlich aufgelöst. Bis zur Wiederzulassung 1974 fanden die Olympen Unterschlupf bei der vorübergehend reaktivierten Vandalia.

Zum Zwecke der legalen politischen Betätigung gründeten Burschenschafter 1952 den Ring Freiheitlicher Studenten (RFS), welchem ein Jahr später Burger vorstand. Nachdem sich die FPÖ zu Beginn der 60er Jahre an ihrer Spitze zu liberalisieren begonnen hatte, entfernten sich die Mannen rund um Burger mehr und mehr von der Mutterpartei. 1967 gründeten sie schließlich die neonazistische Nationaldemokratische Partei (NDP). Die Kontakte rissen jedoch nie ganz ab: Neben dem RFS stellten vor allem die bereits erwähnten Freiheitlichen Akademikerverbände (FAV) – eine Vereinigung „Alter Herren“ im Vorfeld der FPÖ – das Bindeglied zwischen NDP und FPÖ dar. Nach der Kür Haiders zum FPÖ-Obmann 1986 war wieder Einheit angesagt. Bei einem von Otto Scrinzi arrangierten geheimen Treffen zwischen Haider und dem NDP-Vorsitzenden Burger besprachen diese im Juli 1987 eine mögliche Zusammenarbeit. Als dann 1988 die NDP endlich behördlich aufgelöst wurde, war sie ohnehin schon überholt: Ein Großteil der Mitglieder und Kader hatte den Weg zurück zur wieder entliberalisierten FPÖ bereits gefunden.

Heute laufen die Kontakte zur Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) ebenfalls über das burschenschaftliche FPÖ-Vorfeld: In der Aula häuften sich etwa mit dem Einstieg von Jürgen Schwab (aB! Thessalia zu Prag, Bayreuth und Germania, Graz) ab 1998 die Lobeshymnen auf die deutschen Neonazis. Das „freiheitliche Magazin“ bot darüber hinaus dem NPD-Vorsitzenden Udo Voigt Platz zur ausführlichen Selbstdarstellung. Im November 2005 war Voigt gemeinsam mit dem Ex-SS-Mann Franz Schönhuber zu Gast auf der Bude der Grazer aB! Cheruskia.

Die FAV Wien, Burgenland und Niederösterreich luden im Herbst 1999 den Neonazi Horst Mahler zu einem Vortrag nach Wien. Dabei gab dieser seiner Bewunderung des „Führers“ unverhohlen Ausdruck: „Hitler hat die nationalrevolutionären und sozialrevolutionären Kräfte dieses Volkes aufgegriffen und gebündelt.“ Dann wandte sich Mahler aktuellen Bedrohungen zu: den „Türken“, welche sich anschickten, Deutschland „von innen her“ zu übernehmen, der „Umerziehung“, die dafür verantwortlich sei, daß „unser Volk es nicht mehr wagt, sich der Auslöschung durch Überfremdung zu widersetzen“ und dem „jüdischen Volk“, das der „Feind“ der Deutschen sei. Auf dem Weg zur „Volksgemeinschaft“ müssten sich die „Deutschen“, zu welchem Mahler und seine korporierten Zuhörer auch die ÖsterreicherInnen zählen, von den „negativen jüdischen Prinzipien“ wie dem „Mammonismus“ befreien. Aber noch würden „unsere Feinde“ (die Juden und Jüdinnen, Anm.) „über unsere Gedanken (herrschen)“. Mahler versuchte in Wien auch, die antisemitische Verfolgung zu legitimieren: „Den Juden wurde der Hass auf andere Völker auferlegt. Die anderen Völker haben diesen Hass nur erwidert.“

Im Juni 2000 konnten Burschenschafter niemanden geringeren als Frank Rennicke begrüßen. Der Neonazi-Barde und NPD-Aktivist trug seinen germanomanen Singsang auf dem „Innenhoffest“ der Olympia vor. Und am 25. 1. 2003 lud die Olympia zu einem „nationalen Liederabend“ mit Michael Müller ein. Bei diesem handelt es sich um einen deutschen Neonazi, der mit seinem Liedgut Eingang in den Verbotsantrag, der vom Deutschen Bundestag und -rat beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gegen die NPD eingebracht wurde, gefunden hat. Konkret wird dort auf Müllers Auftritte bei Veranstaltungen der Jungen Nationaldemokraten (JN) und der NPD 1998 und 1999 eingegangen. Damals trug er u. a. in Abwandlung eines Liedes von Udo Jürgens ein Lied mit folgenden Strophen vor: „Mit 6 Millionen Juden, da fängt der Spaß erst an, bis 6 Millionen Juden, da ist der Ofen an. (…) Wir haben reichlich Zyklon B. (…) Bei 6 Millionen Juden, ist noch lange nicht Schluss.“ Dokumentiert sind zahlreiche Auftritte Müllers bei Veranstaltungen von Neonazis, zuletzt beim „Rudolf-Heß- Gedenkmarsch“ am 17. August 2002 in Wunsiedel. Müller, Aktivist der Prager Burschenschaft Teutonia zu Regensburg, war auch für die musikalische Gestaltung einer Skinhead-Party in München Mitte Jänner 2001 verantwortlich. Am Rande dieser Party schlugen Teilnehmer einen Griechen nieder und verletzten ihn schwer. Der Haupttäter soll von Müller danach in das Haus der Münchener Burschenschaft Danubia gebracht worden sein, von wo er sich am nächsten Tag ins Ausland absetzte.

Doch vermögen auch die stimmungsvollsten Treffen nicht über die anhaltende Schwäche hinwegtäuschen: Das deutschnationale Korporationswesen hat nach seiner Hochblüte in den 50er und 60er Jahren bis heute mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen. Denn mit der partiellen Öffnung (dem Anwachsen des Anteils von Frauen und Angehörigen unterer sozialer Schichten) und der Demokratisierung der Universitäten unter der SPÖ-Alleinregierung zu Beginn der 70er Jahre ging der Einfluss des Deutschnationalismus und Rechtsextremismus auf akademischem Boden nach und nach zurück. Deutlicher Ausdruck dieser Kräfteverschiebung ist der Niedergang des RFS: Der hochschulpolitische Arm von Burschenschaften und FPÖ sank in der studentischen WählerInnengunst von 32% (1953) auf gerade 2% (1987) ab. Wenn sich auch das völkische Milieu an den Universitäten im Zuge gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen konsolidiert zu haben scheint, ist es von alter Stärke nach wie vor entfernt. Heute tummeln sich nach unseren Schätzungen in knapp 60 deutschnationalen (akademischen und pennalen) Korporationen rund 4000 Aktive und „Alte Herren“. Und der RFS vermag es nach wie vor nicht, bei Wahlen zum bundesweiten StudentInnenparlament über 4% der abgegebenen Stimmen hinauszukommen.

Deutsch-„deutsche“ Verbundenheit

Gemäß ihrer Ideologie versuchten deutsche und österreichische Burschenschaften, die staatliche „Wiedervereinigung“ in ihren Dachverbänden vorwegzunehmen. 1919 vereinigte sich die Burschenschaft der Ostmark mit der DB. Um einem Verbot zu entgehen, schieden jedoch die österreichischen Verbindungen im Juni 1933 aus dem gemeinsamen, nun auch offiziell nazifizierten Dachverband aus. 1938 vereinigte man sich wieder – diesmal unterm Dach des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes. Sieben Jahre nach der Befreiung vom NS-Regime schloss der österreichische Allgemeine Delegiertenconvent (ADC) mit der DB ein „Arbeits﷓ und Freundschaftsabkommen“ ab. Der ADC, auf Antrag der Wiener Olympia 1959 in Deutsche Burschenschaft in Österreich (DBÖ) umbenannt, scheiterte 1961 zunächst in seinen Bestrebungen nach erneuter Fusion mit der DB am beiderseitigen Misstrauen. Ein Mainzer Burschenschafter brachte die Vorbehalte gegenüber den „Ostmärkern“ auf den Punkt: „Auf Grund persönlicher Gespräche, schriftlicher Dokumente und den Erfahrungen von den Burschentagen müssen wir leider feststellen, daß in den österreichischen Burschenschaften ein radikaler Geist herrscht, dem wir uns verschließen müssen. Wir lehnen ganz entschieden jede Form von politischem Extremismus und Antisemitismus ab. Die Geschichte lehrt uns, daß diese Geisteshaltung die deutsche Burschenschaft ins Unglück führen würde und uns an unserem Volke schuldig werden ließe.“ Die unterlegene Fraktion schloss sich darauf zur Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG) zusammen. Im Gründungsprotokoll der mittlerweile aus 46 österreichischen und deutschen Burschenschaften bestehenden BG bekennt sich diese „zum volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff“ und fordert „die geistige und kulturelle Einheit aller, die dem deutschen Volke angehören und sich zu ihm bekennen.“ Hochgehalten wird von der BG ein Großdeutschland in den Grenzen vom 1. September 1939.

Die völkischen Fundamentalisten konnten am Burschentag von 1961 jedoch einen Etappensieg einfahren: Ein Antrag der Münchener Danubia, die DB möge gegenüber der DBÖ feststellen, dass es die „wichtigste politische Aufgabe der Gegenwart“ sei, für die „Wiedervereinigung“ Österreichs mit Deutschland zu kämpfen, wurde mit deutlicher Mehrheit angenommen. Für die anwesenden Olympen fragt sich der Berichterstatter, „mit welchem Recht sich die 48 Bünde“, welche gegen den Antrag stimmten und somit „Österreich und Südtirol nicht mehr als einen Teil ihres Vaterlandes anerkennen wollen, noch als Burschenschaft bezeichnen.“

Die jahrelangen Streitereien zwischen den Fraktionen wurden 1971 am Burschentag in Landau kurzfristig beigelegt. Der geschlossene Kompromiss beinhaltet zwar die Freistellung der Mensur, doch setzten sich die Hardliner aus DBÖ und BG mit der Verankerung ihres „volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriffes“ durch. Darüber hinaus wurden den DBÖ﷓Verbindungen, die allesamt an der Pflichtmensur festhielten, Einzelbeitritte zur DB gestattet. Die Wiener Burschenschaften Libertas und Vandalia (Olympia) traten umgehend bei, bis heute haben sich 20 heimische Burschenschaften der DB angeschlossen.

Die DB verdankt ihre Radikalisierung, welche 1995 erstmals zu einer Erwähnung im deutschen Verfassungsschutzbericht führte, vor allem dem erfolgreichen Entrismus der „Ostmärker“. Jedoch wurde deren Auftreten nicht immer gutgeheißen: So erntete Norbert Burger bei der 175-Jahr-Feier der DB in Jena 1990 für seine „extremen Grußworte“ Pfiffe. Im selben Jahr sah sich die DB gezwungen, „sich bei Staatssekretär Kroppenstädt (…) wegen der globalen Beschimpfungen und Verleumdungen (…), die durch ein Mitglied der vorsitzenden Burschenschaft in der DB, B! Olympia Wien, in einem Interview ausgesprochen worden sind, in geeigneter Form zu entschuldigen.“ In besagtem Interview wurde die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze seitens der deutschen Regierung kritisiert und betont, „daß auch die Ostgebiete, Südtirol usw. alles deutsche Länder sind“ . Ein Jahr darauf forderten die Olympen am Burschentag: „Die Unterwanderung des deutschen Volkes durch Angehörige von fremden Völkern bedroht die biologische und kulturelle Substanz des deutschen Volkes (…) Das deutsche Volk ist vor Unterwanderung seines Volkskörpers durch Ausländer wirksam zu schützen.“
Angesichts derartiger Urlaute überrascht es nicht, dass gemäßigtere deutsche Verbindungen die neuerliche Wahl der Olympia zum Vorsitzenden der DB 1996 mit ihren Austritten quittierten. Als Grund für diesen Schritt wurde unter anderem angegeben, die Wiener Fundis hätten gefordert, „Österreich und Teile Polens in die Wiedervereinigung Deutschlands miteinzubeziehen“ .

Heribert Schiedel / Martin Tröger – „Durch Reinheit zur Einheit“ – Zum deutschnationalen Korporationswesen in Österreich