Zum universitären Korporationsunwesen

Zum universitären Korporationsunwesen

So sehr ihr Aufzug und Auftreten auch den Eindruck schürt, es handle sich um harmlose Faschingsvereine oder schlimmstenfalls bedauernswerte Vaterbuben: Die Aktivitäten studentischer Korporationen an den österreichischen Universitäten stellen ein beständiges und in Teilen höchst bedenkliches Ärgernis dar. Grundsätzlich sind deutschnational gesinnte Korporationen (Burschen- und Mädelschaften, Corps, Landsmannschaften, akademische Turnvereine, Jäger- und Sängerschaften, Vereine Deutscher Studenten) einerseits und katholische Studentenverbindungen (zusammengefasst im Dachverband ÖCV, einem maßgeblichen Rekrutierungspool für ÖVP-Politiker wie den hoffnungsvollen „Erneuerer“ Josef Pröll) andererseits zu unterscheiden. Zahlreiche Merkmale sind beiden Verbindungsarten gemeinsam, darunter (in den meisten Fällen) das Tragen der Verbindungsfarben in Form von Kappe und Band, ihr (mit Ausnahme der Mädelschaften) männerbündlerischer Charakter und ihre Funktion als (männliche) Elitereproduktionsstätten, ihre homophobe, frauenfeindliche und heteronormative Ausrichtung, ihr Konservativismus (wenn auch in unterschiedlich starker Ausprägung) und Nationalismus.

Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal besteht jedoch darin, dass das Objekt der nationalen Hingabe unterschiedlich bestimmt wird: Geben katholische Korporierte sich in aller Regel als österreichische „Patrioten“, sprechen ihre deutschnationalen Gegenüber von Österreich zwar als staatliches Gebilde, bestimmen ihre (im völkisch-rechten Denken allerdings zentrale) „Volkszugehörigkeit“ jedoch als „deutsch“. Zudem sind (fast) alle Verbindungen des deutschnationalen Milieus „pflichtschlagend“. Dies meint, dass ein wesentlicher Teil der Verbindungsaktivitäten in der in ritualisierter Form vollzogenen Verstümmelung der Mitglieder untereinander an Leib, Leber und Geist besteht, womit deutsche Burschen als zusätzliches Erkennungsmerkmal meist schmucke Narben in der Gesichtsgegend aufweisen. Das Ritual der Mensur, die (auch dem Katholizismus nicht fremde) Idealisierung von Härte und „Ertragen-Können“ und die allen Korporationen gemeinsame starke Hierarchisierung und Reglementierung des Verbindungslebens dienen der Einübung von Autoritätshörigkeit und der Ausformung sadomasochistischer Charakterstrukturen.

Weitere Unterschiede zwischen katholischen und deutschnationalen Korporationen bestehen im distanzierten Verhältnis der letzteren zum liberal-demokratischen System sowie darin, dass die katholischen Verbindungen für sich beanspruchen können, was deutschnationale oft gern von sich behaupten: Nach der Machtübernahme der Nazis 1938 verboten und zwangsaufgelöst worden zu sein. Entsprechend unterschiedlich ist auch das heutige Verhältnis der beiden Verbindungsarten zur nationalsozialistischen Vergangenheit. Nicht zuletzt ist auch festzuhalten, dass der für deutschnationalen Korporationen von Beginn an konstitutive und teils noch heute von ihnen vertretene, rabiate Antisemitismus keine gleichwertige Entsprechung im katholischen Milieu findet.

Schätzungen zufolge zählt das deutschnationale Korporationsunwesen in Österreich aktuell rund 4000 Aktive und „Alte Herren“ in knapp 60 akademischen und pennalen (Mittelschüler-) Verbindungen. Die personellen Überschneidungen und Kooperationen mit anderen Aktivposten der hiesigen rechten und rechtsextremen Szene sind vielfältig. So ist etwa die von den im Vorfeld der FPÖ angesiedelten Freiheitlichen Akademikerverbänden (FAV) herausgegebene Zeitschrift Aula, in der systematischer „Revisionismus“ betrieben wird und die auch Holocaust-leugnende Literatur bewirbt, dem burschenschaftlichen Milieu zuzuordnen.

Lesetipp: Heribert Schiedel / Martin Tröger (2001): „Durch Reinheit zur Einheit“. Zum deutschnationalen Korporationswesen in Österreich. In: Siegfrieds Köpfe. Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus an der Universität (Context XXI, Nr. 7-8/01; 1/02). www.contextxxi.at/context/content/view/179/93