Universität und Rechtsextremismus

Universität und Rechtsextremismus

Eine Gemeinsamkeit von Rechtsextremismus einerseits und Universitäten andererseits besteht darin, dass von beiden in der öffentlichen Meinung ein stark verzerrtes Bild vorherrscht. In Hinblick auf die Hochschulen besteht dies darin, dass diese als Orte der Aufklärung und des gesellschaftlichen Fortschritts gedacht werden, an denen „reine“ (im Sinn von ideologiefreie) Wissenschaft betrieben werde und die kritische Geister hervorbrächten, die den gesellschaftlichen Fortschritt beflügelten (was zumindest in Gestalt von protestierenden Studierenden in der Regel jedoch gar nicht gern gesehen wird). Intellektuellen wird zwar eher misstrauisch begegnet – sie seien „verkopft“, weltfremd, abgehoben, arrogant –, gleichzeitig wird ihnen jedoch hohes soziales Prestige zuerkannt, was sich in autoritärer Unterwürfigkeit durchaus mit antiintellektualistischem Hass verbinden lässt. Tatsächlich hat jedoch weder das Gros der Studierenden in Österreich heute viel mit Rebellion à la Paris 1968 am Hut, noch haben die ProfessorInnen an Universitäten hier oder anderswo je „ideologiefrei“ gewirkt. Die Annahme der Möglichkeit „unpolitischer“ Forschung und Lehre war immer schon Illusion, wurde und wird jedoch beharrlich beschwört, um die legitimatorische Kraft der Wissenschaft zur Wahrung partikularer Interessen weiterhin nutzen zu können.

Schon gar nicht sind oder waren Universitäten „linke“ Institutionen an sich. Zwar gingen und gehen immer wieder sozialrevolutionäre Bestrebungen maßgeblich auch von ihnen aus, doch belegt ein Blick auf die Geschichte der österreichischen Unis, dass diese, wo erfolgreich, meist alles andere als „links“ waren. Waren die hiesigen Hochschulen vor dem „Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland Horte von Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus gewesen, so traf dies auch noch zwanzig Jahre nach Kriegsende zu. Erst die „Öffnung“ der Universitäten – de facto v.a. für Kinder der Mittelschicht – durch die Reformen der Regierungen Kreisky in den 1970er Jahren schwächte sowohl den extrem elitären Charakter der Hochschulen als auch (und in Verbindung damit) ihren Status als Nährboden rechter Gesinnung. Nach wie vor ist jedoch universitäre Forschung und Lehre eine elitäre und autoritäre Veranstaltung und daher in ihren Grundzügen eher als „rechts“ denn als emanzipatorisch einzustufen.

Böse Extremismen, gute Mitte?
Die öffentliche Wahrnehmung von Rechtsextremismus wiederum ist verzerrt, da sie diesen meist einerseits mit der militanten Neonazi- und (rechten) Skinhead-Szene gleichsetzt und ihm andererseits den „Linksextremismus“ als vorgeblich gleichwertiges Übel zur Seite stellt. Beide Gleichsetzungen erweisen sich als höchst problematisch: Letztere, da sie die ums Ganze verschiedenen Zielsetzungen, Menschenbilder und Werthaltungen der beiden (auch in sich heterogenen) politischen Milieus negiert. Erstere, da sie den gesellschaftlichen Mainstream bzw. die politische „Mitte“ von deren Verantwortung für die fortbestehende gesellschaftliche Wirkmacht rechter Ideologeme entbindet. Entgegen einer Gegenüberstellung von extremer Rechter und radikaler Linker einerseits versus „demokratisches Zentrum“ andererseits kann Rechtsextremismus als „extreme Spielart des Konservativen“ bestimmt werden (Willibald Holzer zit. n. Schiedel 2004), „rechtsextremes Gedankengut [als] eine militante Steigerungsform der zentralen Werte und Ideologien spätkapitalistischer Gesellschaften“ (ebd.:7). Schiedel verweist in diesem Zusammenhang v.a. auf das in diesen Gesellschaften tief verankerte Erfolgs- und Konkurrenzdenken. Während „linke“ Werte wie Gleichheit oder Solidarität dieses zu überwinden trachten, wird es von RechtsextremistInnen zu einer Ideologie eines existentiellen Kampfes völkischer Kollektive (oder auch: „Kulturen“) übersteigert. Dem Rechtsextremismus ist in seiner anti-egalitären, (zwangs-)kollektivierenden und autoritären Ausrichtung die „Mitte“ deutlich näher als der „linke Rand“.

Rassismus ohne Rassen

Gleichzeitig ist auch Rassismus tief in dieser „gesellschaftlichen Mitte“ verankert. Die im politischen Mainstream geführten Diskurse um Bevölkerungs- und „Ausländerpolitik“, in denen die großen „Volksparteien“ (SPÖ und ÖVP) sich als StichwortempfängerInnen der Straches und Westenthalers hervortun, arbeiten dem Rechtsextremismus zu, indem sie dessen Wünsche (nach „völkischer Reinheit“ oder „Sicherung der kulturellen Identität“) aufgreifen und somit als legitim erscheinen lassen. Konsequenter Weise war es eine Koalition der beiden großen „Mitte“-Parteien Österreichs, die in den 1990er Jahren eifrig an die Umsetzung der Forderungen des rassistischen „Ausländervolksbegehrens“ der FPÖ schritt. Die von vornherein „rechte“ (weil zwangskollektivierende, soziale Differenzen verwischende und Herrschaft stabilisierende) Einteilung der Menschen in „Völker“ oder „Kulturen“, die in der neorassistischen Diktion das Gerede von „Rassen“ ohne bedeutende inhaltliche Verschiebung abgelöst hat, wird heute keineswegs nur von der extremen Rechten mit größter Selbstverständlichkeit vertreten. Auch der in linksliberalen Kreisen beheimatete Multikulturalismus bejaht das Bestehen solcher „ethnischer“ Kollektive und erachtet wohl deren Zusammenleben, nicht aber ihre Auflösung als wünschenswert. So spielt der Linksliberalismus den Rechten in die Hände. Ein Antirassismus, der dies vermeiden will, sieht sich daher gefordert, über eine bloß moralische Verurteilung von Rassismus hinaus treffsicher zu bestimmen, wie Rassismus inhaltlich erkannt und was ihm effektiv entgegengesetzt werden kann.

Unis als Kaderschmieden und geschützte Werkstätten der Rechten
Die Durchsetzung neorassistischen Denkens auf breiter gesellschaftlicher Basis ist nicht zuletzt das „Verdienst“ rechter und oft universitär verankerter Intellektueller. Diese versuchen sich an der „Intellektualisierung“ des Rechtsextremismus – nicht zuletzt über die pseudowissenschaftliche Fundierung der Leugnung oder Verharmlosung von NS-Verbrechen – und tragen damit gezielt dazu bei, diesen gesellschaftlich (noch) salonfähiger zu machen. Der ebenso verhängnisvolle wie weit verbreitete Irrglaube, wonach Wissenschaft nichts mit Ideologie zu tun habe, sorgt in Verbindung mit dem gerade in Österreich hohen sozialen Prestige von AkademikerInnen dafür, dass auch extrem rechte Positionen eine breitere Öffentlichkeit erlangen und in dieser auf höhere Akzeptanz stoßen, wenn sie von „gelehrten Köpfen“ artikuliert werden.

Die zentrale Bedeutung von Universitäten für den Rechtsextremismus besteht jedoch nicht nur darin, rechte „Gegenintellektuelle“ mit Posten, pädagogischem Einfluss und opinion leader-Funktion auszustatten. Die an ihnen bzw. in ihrem Umfeld angesiedelten studentischen Korporationen erweisen sich zudem als wichtige Orte rechter, rechtsextremer und mitunter auch neonazistischer Organisation. So dienen insbesondere deutschnationale Burschenschaften seit jeher (und seit den frühen 1990er Jahren verstärkt) als Auffangbecken für Rechtsextreme und Neonazis, denen sie einen geschützten Raum bieten. Zudem erweisen sich Burschenschaften (wie auch katholische Verbindungen) als intergenerationale (Männer-)Seilschaften, die der Sicherung von Privilegien, Posten und Einfluss für die jeweilige Gesinnungsgemeinschaft dienen.

Rechte Recken im „Kampf um die Köpfe“
Burschenschafter wie auch rechte Intellektuelle inszenieren sich gerne als rebellische „Querdenker“ und Nonkonformisten, die sich „linkem Gesinnungsterror“ und einer angeblichen gesellschaftlichen Hegemonie linksliberaler Haltungen gegenüber sehen. Gerade jene, die historisch wie auch gegenwärtig die Freiheit jener zu eleminieren trachte(te)n, die nicht ihren ideologischen oder (neo-)rassistischen Kriterien entsprechen, pochen umso energischer auf die „Freiheit der Wissenschaft“ und universitäre Autonomie, wenn ihre rechtsextreme Agitation auf Widerstand stößt. Diese narzisstisch-maskulinistische Selbstinszenierung als standhafte Kämpfer gegen eine angebliche Übermacht soll darüber hinwegtäuschen, dass die tatsächlichen gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse linke Positionen keineswegs privilegieren, ja die Artikulation (extrem) rechter Positionen sich oft weniger als Rebellion denn als Ausdruck unterschwellig vorherrschender Mehrheitsmeinungen erweist. Wie auch in der Zwischenkriegszeit arbeiten rechte Studierende und Lehrende noch heute auf das Ziel hin, die „öffentliche Meinung“ schrittweise weiter nach rechts zu verschieben. Diesen Bestrebungen auf universitärem Boden entschlossenen Widerstand entgegenzusetzen, ist daher unabdingbar, um eine Wiederkehr des nie wirklich Überwundenen zu verhindern.

Literaturtipps:
Schiedel, Heribert (2001): Universität und Rechtsextremismus. In: Siegfrieds Köpfe. Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus an der Universität (Context XXI, Nr. 7-8/01; 1/02). www.contextxxi.at/context/content/view/184/93
Schiedel, Heribert (2007): Der rechte Rand. Wien: Edition Steinbauer