Rechtsextremismus an der Universität Wien

Rechtsextremismus an der Universität Wien

Der Umgang mit Rechtsextremismus ist in diesem Land ein derart heuchlerischer, dass selbst die offenkundigsten Huldigungen lange bestehen bleiben können. Bis Mitte der 80er Jahre zierte die Universität für Bodenkultur das Zitat: „Solange Deutsche leben, werden sie bedenken, daß diese einst Söhne Ihres Volkes waren.“ Neben dem patriarchalen Impetus und der Beschwörung einer deutschen Volksgemeinschaft scheint an diesem Schild auch der Autor interessant: Adolf Hitler in seinem Buch „Mein Kampf“. Dass eine solche Inschrift solange an einer Universitätsmauer angebracht sein konnte, ist durchaus kein Zufall,
sondern ein Hinweis auf rechtsextreme Kontinuitäten in der (österreichischen) Uni-Landschaft. Ein anderes Beispiel für rechte Symboliken ist alleine schon die Adresse der Universität Wien, die den Namen eines antisemitischen Wiener Bürgermeisters der Jahrhundertwende, Karl Luegers, trägt. Ebenfalls in „Mein Kampf“ beschreibt Hitler Lueger als den „gewaltigsten und genialsten deutschen Bürgermeister aller Zeiten”, wohl angespornt durch Aussagen wie diese über Jüdinnen und Juden: „Da sind Wölfe, Löwen, Panther, Leoparden, Tiger (…) Menschen gegenüber diesen Raubtieren in Menschengestalt.“

Ein weiteres rechtes Symbol findet sich im Arkadenhof des Uni-Hauptgebäudes: Der „Siegfriedskopf“. Dieser war 1923 von der Deutschen Studentenschaft für die im Ersten Weltkrieg „in Ehren gefallenen Helden unserer Universität” errichtet worden. Im selben Jahr machte ebendiese durch Aussagen zum misslungenen Hitlerputsch in Deutschland auf sich aufmerksam: „Unsere Ostmark wird erst dann ihre alte Ehre wiedergewonnen haben, wenn von der Wiener Burg und vom Rathaus die schwarz-weiß-rote Fahne mit dem Hakenkreuz weht.“ Als das „Denkmal“ 1990 durch eine Gedenktafel für von den Nazis vertriebene Uni-Angehörige ersetzt werden sollte, liefen die Burschenschaften gemeinsam mit dem Ring Freiheitlicher Studenten (RFS, siehe dazu weiter unten) dagegen Sturm. 2006, im Zuge der Neugestaltung von Aula und Arkadenhof, wurde der Schädel von ersterer in letzteren verlegt und – wenngleich eher halbherzig – mit einer historisierenden Kommentierung versehen. Die Burschenschaftler gingen damit – nach langjährigen Auseinandersetzungen zwischen pro- und antifaschistischen Studierenden – ihrer allwöchentlichen Pilgerstätte verlustig (und freuen sich heute jeden Mittwoch mittags über Sympathiebekundungen). Ebenso spät, aber doch, wurden in der Aula Gedenkinschriften an die Opfer des Nationalsozialismus angebracht, ohne jedoch auf die aktive Mitwirkung der Uni Wien und vieler ihrer Angehöriger am Verfolgungs- und Vernichtungsprojekt der Nazis einzugehen. Gleichzeitig und in beißendem Kontrast zur erwähnten Gedenkinschrift wurde Konrad Lorenz ein prominenter Platz in der neu gestalteten Aula eingeräumt. Lorenz war bekennender Nationalsozialist, Antisemit und Mitarbeiter im „rassenpolitischen Amt“ der NSDAP. Noch heute wird der „Rassen“-Theoretiker Lorenz ebenso von Rechtsextremen als Stichwortgeber verehrt, wie ihm die Uni Wien als „ihrem“ Nobelpreisträger huldigt.

Burschenschaften
„Es gibt (…) Spaß mit rassistischen oder wenigstens unappetitlichen Männerwitzen (…) Bist Du häßlich, fett, krank oder fremd im Land, bist Du von Sorgenfalten, Weltschmerz oder linksliberaler Gesinnung gepeinigt, trägst Du alternative oder Schicky-Kleidung oder gar ein Flinserl im Ohr, studierst Du Publizistik, Politologie oder Theologie oder gar nicht, hast Du den Wehrdienst verweigert oder eine Freundin, die weder schön noch still ist, kurz: bist Du auf irgend eine Weise abnormal oder unfröhlich, dann bleib lieber zu Hause, Du würdest
sowieso von uns nicht eingelassen werden.” So sympathisch präsentierte sich die Wiener Burschenschaft Olympia bei einer Einladung zu einem „Erstsemestrigenfest“.

Dem „Wartburgfest“ von 1817 samt der ersten deutschen Bücherverbrennung wird von deutschnationalen Korporierten gern als ihrem legendären „Gründungsfest“ gedacht. Über ihr von Beginn an rassistisches, antisemitisches und sexistisches Treiben versuchen die Burschenschaften gerne hinwegzutäuschen, indem sie von einer Zwangsauflösung 1938 sprechen – tatsächlich gingen sie aber mit Ausnahme einiger nicht-nazistischer Corps nach feierlicher Selbstauflösung unter fliegenden (Hakenkreuz-)Fahnen in den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) über. Ab und an finden auch Burschenschaften ehrlichere Worte zu dieser „Eingliederung“. So heißt es in einer Festschrift der Olympia: „[B]ei der eindrucksvollen Feier im großen Konzerthaussaal anlässlich der Überführung der waffenstudentischen Korporationen in die Gliederungen der NSDAP wurden die Farben das letzte Mal in der Öffentlichkeit getragen.“ Der damalige Rektor der Uni Wien dankte den „deutsch eingestellten studentischen Korporationen Österreichs“ für ihr Verdienst, „dass sie sich in der Zeit des Kampfes restlos in den illegalen politischen Aufbau eingefügt haben. Jede Körperschaft bildete einen in sich geschlossenen Kampftruppenteil.“ Überhaupt ging die Gleichschaltung der Universitäten nach dem „Anschluss“ erstaunlich rasant vonstatten.

Großen Einfluss bei der Gründung der Burschenschaften zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte der so genannte „Turnvater“ Jahn. Die Turnerbewegung war universitär verhaftet, männlich und klar deutschnational ausgerichtet. Sie setzte auf eine Militarisierung der Körper gegen jegliche, von ihr so wahrgenommenen Tendenzen der „Verweichlichung“. 1884 forderte die Turnerbewegung offiziell von ihren Mitgliedern eine „deutsch-arische“ Abstammung. Bürgerlich-demokratischen Revolutionsbestrebungen und liberalen Strömungen innerhalb der frühen burschenschaftlichen Bewegung wurde von Seiten der Vorläufer der heutigen Burschenschaften Volkstumslosigkeit und jüdisches Weltbürgertum vorgeworfen. Dagegen setzten sie eine Ideologie der „Volksgemeinschaft“ und der „rassischen Einheit“ und legten dabei ein „rebellisches Ressentiment gegen die adelige Obrigkeit“ an den Tag, „cdas bis heute mit revolutionärem Freiheitsdrang verwechselt wird“ (Heribert Schiedel/Martin Tröger)

Das Alte Braun in neuen Tönen
Selbst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hielten österreichische Burschenschaften am bereits Ende des 19. Jahrhundertes endgültig eingeführten „Arierparagraphen“ fest, der Juden von einer Mitgliedschaft in den deutschnationalen Korporationen ausschloss. Nichtsdestotrotz werden u.a. Heinrich Heine oder Theodor Herzl, die sich gerade aufgrund des dort grassierenden Antisemitismus früh von ihren Korporationen abwandten, noch heute von Burschenschaftlern als „Alibijuden“ herangezogen. Wie das Klima nach der Nazi-Herrschaft an den Universitäten aussah, verdeutlichen die Ergebnisse der ÖH-Wahlen. Der von Burschenschaftern gegründete Ring Freiheitlicher Studenten, in dem sich seit jeher auch teils nach dem Verbotsgesetz verurteilte Neonazis (etwa Gerd Honsik) sammeln, lukrierte in den 50er- und 60er-Jahren beständig bis zu einem Drittel der Stimmen. 1965 wurde im Zuge einer Demonstration gegen den antisemitischen Professor Taras Borodajkewyczs der Antifaschist und ehemalige KZ-Internierte Ernst Kirchweger von einem Burschenschafter der Wiener Olympia erschlagen. Ein Jahr nach Gründung des RFS wurde ein anderer Olympe, Norbert Burger, dessen Vorsitzender. Burger tat sich in den 60er Jahren als Südtirol-Terrorist und Kopf der neonazistischen Nationaldemokratischen Partei (NDP) hervor. In letzter Zeit geriet der mittlerweile Verstorbene als Ersatzvater und Mentor Heinz-Christian Straches ins Gespräch.

Die „VAPO“ (Volkstreue außerparlamentarische Opposition) des verurteilten Neonazis und ehemaligen Burschenschafters Gottfried Küssel wiederum organisierte u.a. einen „Saalschutz“ für den RFS. Die ANR (Aktion Neue Rechte) stellt einen weiteren Versuch der Rechtsextremen dar, auf der Uni wieder stärker Fuß zu fassen. Der straff organisierte Schlägertrupp kandidierte sogar einmal für die ÖH-Wahlen, kam dabei aber über den Status der Marginalität nicht hinaus. Mit der Öffnung der Universitäten für breitere Bevölkerungsschichten ab den 70er Jahren verringerte sich der Einfluss rechter Gruppierungen – jedenfalls innerhalb der ÖH – mehr und mehr. Momentan hält der RFS bei einem Mandat im bundesweiten Studierendenparlament.

Kein Fußbreit den Faschisten?
Gerade in den letzten Jahren ist Rechtsextremismus an den österreichischen Unis jedoch wieder vermehrt, wenn auch noch immer viel zu wenig, ins Gespräch gekommen. Im Zuge der Regierungsbeteiligung der FPÖ gelangten Burschenschafter nicht zuletzt im universitätspolitischen Bereich verstärkt an die Schalthebel der Macht. So wurden der Olympe Friedrich Stefan von der damaligen Bildungsministerin Elisabeth Gehrer in den Universitätsrat der Uni Wien sowie weitere „Alte Herren“ in andere Universitätsräte berufen. Während die Olympia auch in den letzten Jahren immer wieder maßgebliche Akteure des internationalen Rechtsextremismus und Neonazismus (etwa David Irving, Frank Rennicke oder Michael Müller) zu sich einlud, nimmt ihr „Alter Herr“ Stefan gerne an der Beschwörung einer deutschen Volksgemeinschaft teil, wie er in einer Festschrift seiner Burschenschaft offenbart. „In Österreich stellt der Kampf gegen die sogenannte ‚österreichische Nation’ eine neue Form des Volkstumskampfes dar. Die nach 1945 neu propagierte ‚Nation’ wird als bewußter und gewollter Gegensatz zur Deutschen Nation verstanden, der mehr als 90% aller Österreicher trotz der Einbürgerung fremdvölkischer Menschen in den letzten Jahren nach wie vor angehören.“ Weiters ärgert er sich in der Zeitschrift „profil“ darüber, dass es „unfrei“ sei, wenn „man nicht sagen darf, dass nach 1945 eine Umerziehung stattgefunden hat“.

Die seit jeher starke Bedeutung von Burschenschaftern (u.a. Jörg Haider, Herbert Haupt, Heinz-Christian Strache) innerhalb der FPÖ ist seit der Abspaltung des BZÖ noch angewachsen. Laut den Burschenschaftlichen Blättern (2/07, S. 95) sind 15 von 19 männlichen FP-Nationalratsabgeordneten der laufenden Legislaturperiode Mitglieder in deutschnationalen Korporationen. Einer von ihnen, der Olympe Martin Graf, war maßgeblich an der Ausarbeitung des Universitätsgesetzes 2002 beteiligt – und dementsprechend sieht es auch aus. Was es heißt, den Rechten wieder mehr Boden an der Uni zu geben, zeigte sich am 11. Juni 2005 (im selben Jahr, in dem das 1938 von Nazis schwer beschädigte jüdische Bethaus im Hof 6 des Campus Altes AKH nach Restaurierung neu eröffnet wurde): Anlässlich einer Veranstaltung von RFS und Olympia wurde von der Polizei (und einem privaten Sicherheitsdienst, der auch die Proteste gegen die „Wehrmachtsausstellung“ beschützte) Studierenden und sogar Lehrenden der Zutritt zum NIG (Neues Institutsgebäude) verweigert, damit die Burschis drinnen ungestört eine geschlossene Veranstaltung abhalten konnten. In einigen anderen Fällen der letzten Jahre wurden Versuche rechtsextremer Gruppen, Veranstaltungen in Räumlichkeiten der Uni Wien abzuhalten, von der Unileitung unterbunden – allerdings meist erst auf den Druck antifaschistischer Studierender hin. Dies unterstreicht die nach wie vor höchst aktuelle Notwendigkeit, rechten Umtrieben an der Uni entschlossen entgegenzutreten. Smash Fascism!

Literaturtipp: Siegfrieds Köpfe. Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus an der Universität. Context XXI Nr. 7-8/01; 1/02. Online verfügbar auf www.contextxxi.at/context/content/blogcategory/57/93